Christian (30), Jurist: Ein schwuler AB erzählt

Liebe Leser*innen dieses Buch-Blogs, schon häufiger haben sich per Kommentar oder E-Mail Betroffene gemeldet, um mich darauf hinzuweisen, dass ich einen wichtigen Aspekt in meinem Buch „Und wer küsst mich“ vergessen habe: homosexuelle Absolute Beginners. Ich kann mich nur entschuldigen: Ja, habe ich wirklich vergessen. Während meiner Recherchen ist mir kein homosexueller AB begegnet und von selbst bin ich nicht darauf gekommen, dass diese Untergruppe der ABs noch einmal ganz besonderen Schwierigkeiten gegenübersteht. Umso dankbarer bin ich, dass sich nun einer der Kommentatoren bereiterklärt hat, hier im Buch-Blog seine Geschichte zu erzählen! Lest selbst. Wer danach gerne Kontakt zu Christian aufnehmen möchte, worüber er sich freuen würde, kann sich übrigens bei mir melden unter redaktion[at]maja-roedenbeck.de. Ich leite das dann weiter!

Christian (30), Jurist: Ein schwuler AB erzählt

Das Internet kennt inzwischen etliche Geschichten von Absolute Beginners jeden Alters und aus allen Berufen und Gesellschaftsschichten. Nur eine Gruppe kommt irgendwie nicht vor: die Schwulen. Woran liegt das? Bin ich der einzige schwule AB? Habe ich doppelt was falsch gemacht? Ist meine Geschichte so einzigartig? Bei uns Schwulen

kommt zum Thema Beziehung ja immer noch das Thema Coming Out dazu. Wir müssen nicht nur irgendwann irgendwo anfangen, sondern uns auch vorher klarmachen, dass wir das nicht dort können, wo es die große Mehrheit tut. Ist diese Situation nicht geradezu geschaffen dafür, den Anschluss zu verlieren? Eben dazu hätte ich gerne etwas gelesen, mich mit Leidensgenossen verglichen und ausgetauscht. Aber ich habe keine gefunden. Vielleicht traut sich keiner. Vielleicht muss jemand den Startschuss machen. Ich hoffe, die Hetero-Leser verzeihen mir, wenn sie sich nur teilweise in meiner Geschichte wiederfinden können –  das ging mir umgekehrt natürlich auch so, wenn ich ihre Geschichten gelesen habe.  Ich danke Maja Roedenbeck, die mich eingeladen hat, meine eigene Geschichte zu erzählen. Das ist sie.

Wo beginnen? Die meisten Schwulen würden vermutlich bei ihrem Coming Out anfangen. Ich schreibe hier aber meine Geschichte als Absolute Beginner. Und die beginnt viel früher.

Mit meiner Lebensgeschichte ist es vielleicht logisch, dass ich ein Absolute Beginner geblieben bin. Die Ehe meiner Eltern war faktisch schon gescheitert, als ich auf die Welt kam, doch die beiden haben sich erst getrennt, als ich schon erwachsen war. Mein Vater hatte längst eine neue Beziehung, meine Mutter wollte den Weg der Scheidung nicht gehen, aus Angst vorm Scheitern. Bis heute hasst sie alles Männliche. So lebten meine Eltern während meiner Kindheit noch zusammen, haben sich angegiftet und zu besonderen Gelegenheiten „Familie gespielt“. Meine beiden älteren Geschwister hatten zu Jungendzeiten nie jemanden mit nach Hause gebracht und Beziehungen erst sehr spät für sich entdeckt. Ansonsten wurde darüber bei uns auch nicht gesprochen. Die Bravo lesen durfte ich nicht. Verwandte, die mir ein Vorbild hätten sein können, gab es ebenfalls nicht. Und ich, ich war eh immer schon anders…

Ich bin das Nesthäkchen, war wie meine Geschwister sehr gut in der Schule, darüber hinaus vielseitig interessiert, schlagfertig, vorlaut, neugierig und sehr sensibel. Ich spielte kein Fußball, sondern Cello und nervte meine Mitmenschen mit meiner Allgemeinbildung. In der Grundschule war das alles praktisch, denn ich hatte Erfolg damit. In der Mittelstufe war es dann plötzlich uncool, mit mir etwas zu tun zu haben, auch vier bittere Jahre Mobbing habe ich erlebt und ich wurde das, was ich eigentlich gar nicht sein wollte: ein Einzelgänger. Ich nahm die Rolle an. So konnte ich mich von all dem abgrenzen, was meine Klassenkameraden interessant fanden. Die neuesten Klamotten interessierten mich nicht, in Sport war ich regelmäßig der Klassenschlechteste und mit Mädchen wollte ich eh nichts anfangen. Meine Pubertät verbrachte ich vor allem mit Computerspielen. Warum ich nicht selbst auf die Idee kam, es mal mit Jungs zu probieren, weiß ich nicht. Die Idee kam mir einfach nie. Auf dem  Privatgymnasium, das ich besuchte, gab es so etwas nicht (also Jungs gab es schon, aber…). Auch eine schwule Szene gab es in der norddeutschen Großstadt, in der ich aufgewachsen bin, nicht, zumindest habe ich nichts von ihr mitbekommen. Ich war auch nie gezwungen, mal darüber reflektieren zu müssen, dass es so etwas wie Schwulsein überhaupt gab. Dabei waren die Signale bei mir alle da. Dass ich Baywatch nicht wegen der vollbusigen Frauen, sondern wegen der heißen Rettungsschwimmer mit ihren Sixpacks angeschaut habe, hätte ich mir eigentlich eingestehen können. Oder dass ich in meinem Lateinbuch immer wieder am Foto der Statue eines jungen Athleten hängen blieb. Aber ich konnte diese Zeichen in keinen Zusammenhang bringen. Es gab keine Kategorie, in die ich sie hätte einordnen können. Ich glaube, bis zu einem gewissen Alter war ich mir nicht mal im Klaren darüber, dass es sexuelle Anziehung war, die ich da empfand, oder dass ich überhaupt sexuelle Anziehung empfinden konnte. Ich wusste schlichtweg nicht, was das war. Selbst Masturbation habe ich ich durch Zufall entdeckt, ohne zu wissen, was ich da tat. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich mich konkret nach Zwischenmenschlichkeit gesehnt habe. Ich wusste einfach nicht, wie sich das anfühlte, es lebte mir niemand vor und das, was ich im Fernsehen sah oder bei meinen Mitschülern beobachten konnte, fand ich pubertär und übertrieben. Ich hab mir gesagt, da steh ich drüber.

Vieles hat sich dann in den letzten beiden Schuljahren geändert. Die Klassen wurden neu gemischt, es gab plötzlich Gleichgesinnte. Das waren Leute, die ebenfalls als Streber galten und sich scheinbar ebenfalls aus diesem ganzen pubertären Kram herausgehalten hatten, und plötzlich hatte ich Gesprächspartner. Wir konnten unsere Fächer selbst wählen, hatte ich Erfolge, und auch neues Selbstbewusstsein. Ein wirklicher Schlüsselmoment meines Lebens ergab sich dann in einer Musikstunde: da erfuhr ich, dass meine Freunde alle seit Jahren in romantischen und sexuell aktiven Beziehungen sind. Ich hatte mir das nicht vorstellen wollen und fiel buchstäblich aus allen Wolken. Ich war so naiv gewesen und auf einmal wurde mir klar, dass in meinem Leben etwas ganz gewaltig schief lief. Ich hatte keine Motivation mehr, noch etwas für das Abitur zu tun. Zu meinem 18. Geburtstag schenkten mir die neuen Freunde ein Buch über Sex, eine Packung Kondome und eine Grußkarte mit guten Wünschen zum neuen Lebensjahr und „hoffentlich viel Praxis“. Ich habe die Karte noch. Die Kondome auch.

Ich war nun bereit, das mit der Praxis mal anzugehen und etwas dafür zu tun. Ich war 18, hatte mein Abi in der Tasche, dank des Zivildienstes eigenes Geld und Lust auf Experimentieren. An meinem Äußeren arbeiten, mich für andere Menschen interessieren und schauen, was so passiert. Ich entdeckte eine Sportart, die mir Spaß machte, las Bücher über das Verlieben und fühlte mich bereit. Ich fragte sogar Freunde selbstkritisch danach, woran es denn bei mir liegen könnte, dass sich bisher nichts tat. Und ich ging etwas scheu, aber entschlossen auf Frauen zu. Doch nichts entwickelte sich. Alle sagten, ich wäre doch von attraktiven Frauen umgeben und, das wurde mir attestiert, könnte dort sogar Eindruck machen, aber die Mädels ließen mich alle kalt. Stattdessen gab es da diesen Jungen, der in der 12. Klasse in meinen Leistungskurs gekommen war und der in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von mir war. Er war überhaupt nicht sensibel, total sportlich, kam super bei den Frauen an und musste dringend an seinen Noten arbeiten. Er war nicht souverän wie ich, er war eher entspannt. Und ich fand es toll, wie er mich sogar ein wenig bewunderte — er lernte von mir Kochen und einiges über klassische Musik. Eine glückliche Symbiose. Er wurde mein bester Freund und ist es bis heute. Dass ich mich allerdings in der Abi-Zeit in ihn verliebt hatte, wurde mir erst Jahre später klar. Dass ich sexuelle Phantasien hatte, in denen er vorkam, (allerdings sehr unschuldige, denn ich hatte nie einen Pornofilm gesehen)brachte ich nicht in einen Zusammenhang mit meiner eigenen sexuellen Orientierung. Stattdessen ließ ich mir von ihm alles zum Thema Sex erzählen, aus seiner Sicht, nur um festzustellen, dass das mit den Frauen und ihrer Anatomie irgendwie nicht meine Welt war. Dass ich schon längst jemanden liebte, nämlich ihn, erkannte ich nicht. Selbst als ich dann 2005 den Film „Sommersturm“ über eine vergleichbare Coming-Out-Geschichte zwischen zwei besten Freunden sah, schaffte ich den Sprung aus dem Schrank nicht. Ich verdrängte den Gedanken. Stattdessen las ich verschiedene Bücher, die mir meine Andersartigkeit erklären sollten und redete mir ein, dass ich aufgrund der gescheiterten Beziehung meiner Eltern vielleicht einfach abgestumpft bin für Frauen, Sex und das alles. Auch von dem Begriff „Absolute Beginner“ hab ich hier zum ersten Mal erfahren. Es gab einen Namen für das, was ich erlebte. Das beruhigte mich. Es müsse einfach nur die „Richtige“ kommen. Ich akzeptierte das.

Abgesehen davon ging ich mit einer Mischung aus Faszination und Verdrängen in mein Jura-Studium. Ich war umgeben von Gleichaltrigen und verpasste alle Chancen, die man als Student wohl so haben könnte, Versäumtes nachzuholen. Ich studierte in der süddeutschen Provinz, umgeben von der Ellbogen-Mentalität, über die sicher viele Jura-Studenten berichten können. Schwule Männer gab es wenige und ich nahm sie ohnehin nicht war. An Partys hatte ich mich eh nie gewöhnen können und mein Freundeskreis ging abends nicht weg, sondern ließ sich von mir bekochen. Knapp die Hälfte von ihnen, das weiß ich heute, war selbst Absolute Beginner, zwei sind es immer noch. Sie waren froh, dass man sich auf meinem Sofa einfach gepflegt unterhalten konnte und nicht in irgendwelchen Männlichkeitsritualen bewähren musste. Und sie waren alle stock-konservativ und ließen keine Zweifel daran, was sie von Homosexualität hielten. Ich schaute insgesheim den schönen Männern in meinem Studentenorchester nach, schaute nachts Schwulenpornos, und redete mir bereits mit etwas größerer Mühe ein, dass der Schalter in meinem Hirn noch irgendwann umgelegt werden würde. Die „Richtige“ kam in den Folgejahren tatsächlich drei Mal und jedes Mal tat ich alles dafür, dass ich mich endlich mal verliebte und zum Mann wurde. Dreimal traf ich nämlich auf Frauen, die mich faszinierten und bei denen ich hoffte, dass sie mich endlich mal auf hormoneller Basis wachküssen würden. Ich schaffte es jedes Mal bis zur Stufe 1… Alle drei Mal warteten die Frauen, bis ich sie mal küssen würde oder so – nur wollte ich das eben nicht. Sie alle haben sich dann jemand anderen gesucht.

Erst nach meinem Wechsel nach Berlin änderte sich dann einiges. Eines Tages meldete sich nämlich ein alter Schulfreund und bat mich um Rat: Er hätte sich in einen Mann verliebt, was solle er tun? Er beschrieb mir, was er empfand. An die folgende Nacht im Jahr 2009 kann ich mich noch lebhaft erinnern. Die zwei, drei Zeilen Text, der er mir schrieb, hielten mich die ganze Nacht wach. War das die Lösung? War ich schlicht und ergreifend auch schwul? Wollte ich das denn sein? Ich meine, war das denn mein Lebensentwurf? Sollte ich mir jetzt die Haare platinblond färben, die Handgelenke abknicken und meiner femininen Ader freien Lauf lassen? Ich schwankte dann zwischen diesen Gedanken und den ersten sehr vagen Vorstellungen schwuler Sexualität, und erkannte nicht, dass ich sie eigentlich sogar genoss. Ich konnte mich schließlich ein letztes Mal von der Sache mit meiner Sensibilität und dem Trauma mit meinen Eltern überzeugen. Diese homosexuellen Gedanken mussten eine Art Ventil sein, damit ich meine unterdrückte Sexualität gegenüber Frauen endlich einmal in Angriff nehmen konnte. Das war keine Lösung, aber irgendwie eine glaubhafte Entschuldigung für mein Versagen. Denn ich fühlte mich als Versager. Ich war ja schon 23. Und ich begann endlich eine Psychotherapie, um all das zu überwinden. Wir fanden so einiges heraus: dass ich wirklich sehr sensibel bin, depressiv veranlagt und die Familiengeschichte einiges an Schaden angerichtet hatte. Durch die Therapie und Erfolge im Studium, in der Musik und in meinen sozialen Netzen konnte ich dann eine ganze Menge in meinem Leben gerade rücken. Dass ich schwul bin, auf diese Idee kam jedoch selbst mein Therapeut nicht. Stattdessen unterdrückte ich die homosexuellen Gedanken aus Angst, ich würde mich irgendwann darauf einpendeln und könnte dann nicht mehr zurück. Es vergingen noch einmal vier Jahre und viele schlaflose Nächte. Nach einem Weihnachten , als meine Familie mal wieder Familie gespielt hatte und ich mal wieder eine Nacht wach lag und mein Leben überdachte, ließ ich den erlösenden Gedanken dann endlich zu. Es war ein Coming-Out ganz ohne Bühne, ohne besonderen Grund. Ich war nicht verliebt, mich hatte niemand gezwungen. Ich war 28 und endlich erwachsen. Es war letztendlich leichter, als ich gedacht habe. Auch die Familie hat es mit einigem Schock schließlich verdaut. Schwieriger war, was danach kam.

Seit jener Musikstunde kurz vor dem Abitur hatte ich jeden Abend vor dem Einschlafen festgestellt, dass ich alleine war und nicht länger alleine sein wollte. Meine bisherige Entschuldigung war aber jetzt nicht mehr gültig. Der Schalter in meinem Hirn war jetzt umgelegt, ich musste nur irgendwas damit anfangen. Was macht man, wenn man 28 ist, schwul, völlig unerfahren und in einer Stadt lebt, in der die Schwulen alle schrill und selbstbewusst sind? Und diejenigen, die es nicht waren, so gar nichts Attraktives an sich hatten? In der es Absolute Beginners wie mich nicht zu geben schien? Erster Fehler: Ich stellte mich lange nackt vor den Spiegel und stellte fest, dass ich unmöglich attraktiv genug sein konnte, als dass mich jemand angesprochen hätte. Ich ließ mich daraufhin sogar beschneiden, so wie die amerikanischen Pornodarsteller. Zweiter Fehler: ich probierte es sofort mit einer Online-Kontaktbörse. Es war aber einfach noch zu früh dafür. Es mag vielleicht mein Alter gewesen sein, meine Fotos und unbeholfenen Texte sicher nicht, jedenfalls bekam ich innerhalb von Minuten Anfragen von Männern weit jenseits der 30. Ich schaltete bei meinem PC den Strom aus, sprang ins Bett und zog mir die Decke über den Kopf, bis mein Puls sich wieder beruhigte. Dritter Fehler: Ich besann mich auf das, was mein Leben lang geholfen hatte. Ich verkroch mich wieder vor den Computer, spielte bei „Die Sims“ schwule Beziehung mit mir selbst und wartete darauf, dass sich die Welt endlich um mich drehte. Jetzt musste eben „der Richtige“ auftauchen.

Heute, drei Jahre später, bin ich ein junger Berufsanfänger in Berlin und vieles läuft so, wie es sollte. Ich war ein halbes Jahr lang sehr unglücklich in einen schwulen Arbeitskollegen verliebt, der angeblich nichts davon mitbekam, selbst als ich ihn mit allem Mut nach seiner Nummer fragte. Er ist übrigens glücklich vergeben. Durch ihn fand ich auch endgültig raus, was „mein Typ“ bedeutet. Ich habe einen riesigen Freundeskreis, darunter drei schwule Freunde, mit denen ich mich immerhin über sehr vieles unterhalten kann. Ich habe auf einer Fortbildung einen bisexuellen Kollegen kennengelernt, der mich – ich kann es immer noch nicht glauben – attraktiv fand und im Laufe eines Spieleabends ein paar Minuten berührte. Es war so intensiv, dass mein Kopf sich ausklinkte und ich es einfach genießen konnte. Wir haben uns später auch geküsst. Andere schwule Männer haben mir schon öfter gesagt, dass sie mich attraktiv finden und ich mich auf den Markt trauen sollte. Das sagen auch meine schwulen Freunde. Ich habe in den letzten zwei Jahren viel für mein Aussehen und für meinen Körper getan. Selbst lockerer bin ich angeblich inzwischen geworden. Worauf ich denn warten würde? Ich müsse doch einfach nur mal da und dorthin gehen und dann würde der Rest schon von selbst passieren?!

Aber eben das kann ich nicht. Die Erfahrungen einer nicht gelebten Jugend sitzen zu tief– bzw. fehlen. Und spätestens hier bin ich wieder ein ganz normaler und viel zu sensibler AB. Ich habe in meinem Leben schon viel erreicht, viel geleistet und erledige professionelle Arbeit, kann vor tausend Leuten Cello spielen, komplexe rechtliche Fragen in zwei Sätzen meiner Oma erklären, doch ich versage bei so einer simplen Sache wie dem Flirten. Ich kann mich in meiner Angst vor Zurückweisung immer noch ganz hervorragend hinter meinen Erfahrungen und meiner Sensibilität verstecken. Ich bin kein Mensch, der Dinge ausprobiert. Ich spiele, um zu gewinnen. Ich bewerbe mich nur auf Stellen, von denen ich weiß, dass ich sie kriege. Ich stecke mir nur die sportlichen Ziele, von denen ich weiß, dass ich sie erreichen kann. Das verliebte halbe Jahr mit dem Arbeitskollegen hat mich an die Grenze zur Arbeitsunfähigkeit gebracht, so intensiv waren die Gefühle, die ich empfunden habe. Wie soll ich mich da in einen Konkurrenzkampf stürzen, bei dem eine gewisse Chance besteht, dass es eben nicht schon beim ersten Versuch klappt? Aus der Schwulenszene kenne ich Geschichten von Menschen, die attraktiver waren als ich und auf den ersten Blick aussortiert oder in bestimmte Etablissements gar nicht hineingelassen wurden. Bei meinem ersten CSD war ich umgeben von jüngeren Männern mit Sixpack, die ganz sicher nicht meine Fähigkeiten teilen, aber wahrscheinlich alle ein normales Privatleben haben. Das schüchtert mich ein. Ich sollte vielleicht mal in eine Schwulenbar gehen, aber ich traue mich nicht. Es könnte mich ja tatsächlich jemand ansprechen. Wie mache ich dem klar, dass mir 15 Jahre sexuelle Erfahrungen fehlen? Dass ich im Bett nichts, aber auch wirklich gar nichts kann? Und wenn ich es ihm nicht sage, was passiert dann?

Diese ganze, auf Abgrenzung und Anderssein gerichtete schwule Welt ist nicht meins. Ich will nicht aufhören, zu sein, wer ich bin. Im Gegenteil: ich will endlich sein, wer ich bin! Ich will das nachholen, was mir fehlt. Das empfinden, was andere auch empfinden. Und trotzdem muss ich mich in diese Welt hineinwagen, wenn ich weiterkommen will. Und so warte ich immer noch, dass irgendetwas passiert. Mit mir, oder mit dem Rest der Welt.

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6 Kommentare zu “Christian (30), Jurist: Ein schwuler AB erzählt

  1. Hab vieles in der Schilderung so ähnlich erlebt….manche Dinge sind aber logischerweise ziemlich anders verlaufen (das Ergebnis ist aber das gleiche). In Kurzzusammenfassung: mit 17 nen fetter Klops gewesen, mit 23 ein 67-Kilo-Subjekt. Das bedeutet, dass ich keine Jugend hatte und dann mit 23 Jahren…nach einer nicht zu unterschätzenden Anorexie…. völlig unvorbereitet mich mit Anmacherei konfrontiert sah, was ich nur vom Hörensagen kannte. Als Hungerhaken scheinbar wird man dann von allen Seiten hofiert, ich wurde sogar eingeladen! Problem nur: ich mochte dieses Getusse nicht, ich hatte schon mit 13 so vage ne Vorstellung, dass das mit Mädels nix wird…deswegen die Überraschung, als dann die Mädels alle angerannt kamen. Tja…..eben leider zu spät!
    Im Unterschied zum Vorredner hab ich leider keinen großen Freundeskreis….also so seh ich das. Gemeinsames Kochen und ….blabla. Hätts gern gehabt….aber wer wär den gekommen?

    Dachte auch, dass man sich als InCel noch was erhoffen darf…..aber die Sache ist vorbei…ein Leben ist schon bevor es angefangen hat vorbei.

    Sorry…ich war garnicht da! 😦

    • Hallo Stephan, vielen Dank für deinen sehr offenen und ehrlichen Kommentar! Ich hoffe sehr, dass es dir gelingt, in deinem Dasein dennoch einen Wert zu sehen – denn jeder Mensch ist wertvoll und wichtig für diese Welt – auch ohne dass wir etwas leisten, geliebt werden, schön sind, auffallen o.ä. LG, Maja

  2. Hallo Christian,

    Ich bin vor einigen Tagen eher zufällig auf deinen Artikel aufmerksam geworden. Ich möchte dir vielmals für deine Offenheit danken, mit der du deine Leidensgeschichte hier dargelegt hast. Den Mut hätte ich so nicht gehabt. Umso mehr bin ich ausgesprochen erleichtert zu hören, dass ich als schwuler AB nicht alleine dastehe und es da draußen noch andere gibt, denen es ähnlich geht wie mir. Das Gefühl, „doppelt was falsch gemacht zu haben“, ist mir allzu vertraut.

    Beim Lesen deines Beitrags habe ich mich sehr oft wiederfinden können und (erstaunlich) viele Parallelen zu meinem persönlichen Werdegang entdeckt. Angefangen bei Problemen im familiären Umfeld seit meiner Kindheit, die sicherlich nicht die besten Voraussetzungen für eine „normale“ Entwicklung waren. Ich war ein (unsportlicher) Einzelgänger in der Mittelstufe, ehe ich mit wachsendem Selbstvertrauen Anschluss in einer (Hetero-)Clique fand. Spaß am Partyleben und an exzessivem Feiern hatte ich weder während meiner Schulzeit noch im Studium. Dass ich schwul war, konnte ich mir erst sehr spät eingestehen, obwohl klare Anzeichen schon lange vorher da waren. Diverse Schlüsselmomente mit Freunden und Bekannten führten mir deutlich vor Augen, dass ich alleine und ein Außenseiter war. Schließlich gab es auch bei mir ein relativ spontanes Coming-out gegenüber meinen Eltern, welches jedoch nicht den gewünschten Effekt erzielte. Mit der schrillen und sehr oberflächlichen Schwulenszene kann ich nur wenig anfangen; ich finde sie eher abschreckend. Heute bin ich Mitte dreißig, stehe sozusagen „mitten im Leben“, bin im Beruf erfolgreich und bekomme von Bekannten gesagt, dass ich durchaus attraktiv bin – aber: ich bin noch immer komplett unerfahren in Sachen Beziehung/Sex, was mir sehr zu schaffen macht, da ich mich nach einem normalen und ausgefüllten Leben sehne.

    Gerne möchte ich meine ganze Geschichte mit dir teilen und weitere Erfahrungen austauschen. Wie von Maja Roedenbeck in ihrer Einleitung angeregt, würde ich sie bitten, meine Kontaktdaten an dich weiterzuleiten. Über eine Rückmeldung würde ich mich sehr freuen.

    Viele Grüße, Dominik

    • Hallo Dominik, danke für deinen Kommentar und deine Mail! Ich habe sie an Christian weitergeleitet und hoffe, er antwortet bald und ihr könnt euch austauschen! Es war sehr mutig von dir, diesen Schritt zu gehen. Solche Schritte sind es, die uns im Leben voranbringen. Gerne lade ich dich ein, deine Geschichte anonym auch hier im Blog zu erzählen. Beste Wünsche fürs neue Jahr! Maja

  3. So bin nun mit dem Buch durch, Leider muss ich sagen außer eine guten Definition für das worunter ich leide konnte mir das Buch nicht weiter helfen.
    Ich bin seit 13 Jahren in der Schwulenszene unterwegs und Fakt ist, wenn du dich nicht an die Aussehe-Normen hältst die von dir erwartet werden dann wir es ein unglaublich unterfangen jemanden dazu zu bringen dich kennen lernen zu wollen. Es gibt die Biologischen Voraussetzungen, sprich also min 180 cm Groß, Breite Schultern, männliche Ausstrahlung, Hast du diese Attribute nicht musst du Schlank sein oder Trainiert, Eigentlich sollte man beides Machen, nur bei den Bären gibt’s da eine Ausnahme.

    Es geht nicht so sehr darum das man mit eine Femininen oder etwas anderen Art nicht geliebt werden könnte. Es geht darum das die Szene sich durch die Vernetzung so weit entwickelt hat, das du ohne Passendes Aussehen keine Karte für den Club bekommst und dich so auch keiner kennenlernen kann.

    Das tut unglaublich Weh
    Dabei hab ich in meinen Jahren einiges Durch,
    War Glatzen und Kurzhaar-Träger obwohl ich selber lange Haar an mir mag, habe bei 169 mich auf 65 Kilo runter trainiert usw. nur um im Spiegel sehen zu dürfen „wow das bin ich ja garnicht.“
    Und wenn man diese Aufopferung nicht hat zerplatzt das Traumschloss.
    Da ich nur mit Hetero befreundet bin, habe ich angefangen auch mit Männer in Standard Discos zu flirten, da ich die Atmosphäre in Szenebars nur noch erdrücken finde. Das minimiert zwar meine Radius noch weiter, aber mir ist das lieber.

    Aber wie auch im Buch oft beschrieben der eigene Selbstwert ist oft ganz unten.
    Ich wurde bis ich 20 war fast ausschließlich von Ü40 angeschrieben/ angemacht, mittlerweile sind es Ü50 und ich bin grad 27 Jahre alt. Sowas zerstört einen langsam aber sicher.

  4. Hallo Oscar, danke für deinen Kommentar! Es tut mir leid, dass dir mein Buch nicht helfen konnte. Wenn du Kontakt mit Christian aufnehmen möchtest, der in diesem Artikel seine Geschichte erzählt, kannst du mir eine Mail an redaktion [at] maja-roedenbeck.de schreiben, dann leite ich sie weiter. Ich denke, das hilft am meisten, wenn du dich mit anderen Betroffenen austauschst. LG, Maja

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