Neues AB-Portrait: Lara (28), Bürokauffrau

Hier kommt der dritte Teil meiner Serie bisher unveröffentlichter AB-Protokolle. Es handelt sich um Portraits, die ich für mein Buch “Und wer küsst mich“, zu dem dieser Blog gehört, aufgezeichnet hatte, die dann aber im Lektorat aus dem Manuskript herausgekürzt wurden. Nach den Geschichten von Lucy (26) und Sascha (28) erzählt jetzt Lara, 28, Bürokauffrau:

„Lieber ein bisschen später seine Erfahrungen sammeln als so früh, dass sie einem die ganze Kindheit ruinieren“

Ich bin eine Ex-ABine. Eigentlich möchte ich lieber Spätzünderin sagen, denn als Absolute Beginner habe ich mich nie definiert. Klar war ich bis vor zwei Jahren völlig unerfahren, aber fünf Jahre meines Lebens habe ich an eine psychosomatische Krankheit verloren, die mir wirklich keinen Nerv gelassen hat, mich zu verlieben oder mich in Sachen Männer auszuprobieren. Wenn ich diese fünf Krankheitsjahre von meiner partnerlosen Zeit abziehe, sind wir bei 21 Jahren. Und in dem Alter halte ich eine Frau noch für eine Spätzünderin. Offiziell gelten zwar alle Unerfahrenen ab 20 schon als ABs, aber ich finde das zu früh. Wenn ich so in die AB-Foren im Internet schaue, haben es in den vergangenen Monaten viele Mitglieder bis zu ihrem 25. Geburtstag geschafft, einen Partner zu finden, oder sind bis dahin zumindest persönlich einen großen Schritt weitergekommen. Ich würde die Altersgrenze irgendwann zwischen 25 und 30 setzen. Vorher gibt es im Leben zu viele andere Prioritäten. Da studiert man oder macht eine Ausbildung, da ist man mit der Selbstfindung beschäftigt. Klar schaffen es viele, nebenbei noch eine Beziehung zu führen, aber ernsthaft kümmert man sich doch erst mit Ende zwanzig darum. Und erst wenn es dann nicht klappt, obwohl man vielleicht langsam an eine Familie oder zumindest etwas Dauerhaftes denkt, wird das Alleinsein zum Problem. Mein Leben ist durch meine Krankheit anders verlaufen als das der meisten, aber eines weiß ich: Ich hätte es auf jeden Fall irgendwie und irgendwann geschafft, meine Beziehungslosigkeit hinter mir zu lassen. Um mich dem AB-Schicksal einfach zu ergeben, bin ich ein zu großer Dickkopf, und mein Familienwunsch ist größer als jeder Frust.

Die Krankheit, die mich so zurückgeworfen hat, war ein Reizdarm. Das ist eine Funktionsstörung des Verdauungstrakts, für die es keine organischen Ursachen gibt. Ich hatte schlimme Magenkrämpfe, dauernd Durchfall und Panikattacken, weil ich mich über die Jahre hinweg in einen Strudel um mein negatives Selbstbild hineingesteigert hatte. Angefangen hat alles mit einem sechsjährigen Jungen in der Grundschule, der eine kleine Bemerkung gegenüber einer gleichaltrigen Mitschülerin fallen ließ. Und diese Mitschülerin war ich. Der Junge hänselte mich und nannte mich hässlich, und so unbedeutend diese Episode auch gewesen sein mag, sie brannte sich in mein Hirn. Mit sechzehn versetzte mir meine damals angeblich beste Freundin einen Nachschlag, indem sie sagte: „Ich ziehe nur mit Mädels durch die Discos, die nicht so attraktiv sind wie ich.“ Diese beiden Angriffe auf mein Ego führten dazu, dass ich mich hässlich fühlte und mich nicht akzeptierte wie ich war.

Heute weiß ich, dass ich nicht hässlich bin, und ich weiß: Es liegt nie am Aussehen allein, wenn jemand keinen Partner findet. Aber damals: Alles, was mit Berührungen, Küssen und Sexualität zu tun hatte, rief bei mir nur noch Ekel hervor, weil ich mich nicht mehr so akzeptieren konnte wie ich war. Ich zog mich in mich zurück, mein Körper übernahm die Verantwortung für mein Bedürfnis, allein zu sein, und hielt mich mit meinem Reizdarm praktisch zu Hause gefangen. Sobald ich aufgeregt war oder auch nur die kleinsten Veränderungen in meinem Umfeld spürte, brauchte ich eine Toilette für mich. Das fing bei Familienfeiern an und endete im Supergau bei der Firmenfeier. Ich versuchte teilzunehmen, aber meine innere Unruhe und mein Darm machten mir so zu schaffen, dass ich mich nur noch zu Hause sicher fühlte. Wenn ich ein wichtiges Ereignis nicht absagen konnte, hungerte ich vorher tagelang. Und das, obwohl ich eine schöne Kindheit hatte und Eltern, die mich liebten und alles taten, um mir ein gesundes Selbstbewusstsein mitzugeben. Sie sind ein Paar, seit sie achtzehn sind, und seit knapp 28 Jahren glücklich verheiratet. Aber ich war immer schon ein Dickkopf, wollte alles allein schaffen, wollte von niemandem abhängig sein, wollte selbstständig sein. Wenn das nicht klappte wie ich es mir vorstellte, fraß ich den Frust in mich hinein. Nicht mal meinen Eltern wollte ich irgendwas erzählen, weil ich Misstrauen gegen alles und jeden hegte.

Als ich dreizehn wurde, begann ich, mich für Jungs zu interessieren. Es gab etliche von ihnen in meiner Nähe. Auf der Straße und in der Schule wuchs ich in Jungencliquen auf, weil ich mich da immer wohler fühlte als unter gleichaltrigen Mädchen. Zum Fußballspielen und für andere Männerbeschäftigungen konnte ich mich schon immer begeistern. Wenn es ans Mannschaftenbilden ging, war ich die erste, die gewählt wurde. Nachteil: Keiner von den Jungs verliebte sich in mich. Sie nahmen mich als Kumpel, nicht als Mädchen wahr, zumal sie alle jünger waren als ich. Damals wirkte ich mit meinen sehr kurzen Haaren und meiner sportlichen Figur vielleicht auch etwas jungenhaft. In der Pubertät ließ ich mir dann die Haare bis weit über die Schulter wachsen, bekam lange Beine und Rundungen an den richtigen Stellen. Kurz: Ich wurde sehr feminin. Mit siebzehn oder achtzehn hatte ich ein Date mit einem acht Jahre älteren Mann, dann ein zweites mit einem zehn Jahre älteren. Aber außer mal treffen, ins Kino gehen, erzählen oder freundschaftlichen Unternehmungen war nichts. Den zehn Jahre älteren Mann liebte ich danach acht Jahre lang oder besser: trauerte ihm hinterher, weil er mich nicht zurück liebte und unerreichbar blieb. Vielleicht hatte meine Schüchternheit seinen Beschützerinstinkt gereizt, aber mehr auch nicht. Die Jungs in meinem Alter, die nichts anderes im Kopf hatten als Partys, saufen und Frauengeschichten interessierten mich jedenfalls nicht. Ich war nie eine Partygängerin. Und welcher Mann verirrt sich schon in einen Reitstall? Dass ich Balzrituale und Flirten nicht mochte, strahlte ich wohl auch aus, und ein abweisendes Wesen ist für den Werbenden uninteressant. Als dann die Krankheit einsetzte, war ich nicht mehr nur abweisend zu den Männern, sondern außer auf der Arbeit nicht mehr existent in der Welt da draußen.

Im Oktober vor zwei Jahren begann ich eine Hypnosetherapie. Sie veränderte mein Leben komplett. Es hatte einfach nicht weitergehen können, so ohne Lebensqualität. Nur noch Bauchschmerzen, Arbeit, zu Hause sein. Meine Pferde als einziger Kontakt zur Außenwelt. Kein Kino, kein Essen gehen, kein Freunde treffen. Nichts, was mir Spaß gemacht hätte. Was war denn das für ein Leben? Mir wurde klar: Du musst was ändern. Und das tat ich. Durch die Hypnosetherapie verstand ich, dass der Sechsjährige damals in mir ein schwaches Opfer und mit mir ein leichtes Spiel gehabt hatte, weil es mir nicht in den Sinn gekommen war, mich zu wehren. Es war allerdings ein beschwerlicher, schmerzhafter Prozess bis zu dieser Erkenntnis. Tausende verdrängte und vergessene Erinnerungen kamen ans Tageslicht, quälende und schöne. Das war nicht immer angenehm, weil es innerhalb einer sehr kurzen Zeit geschah.

Ich möchte niemandem Angst einjagen, jeder reagiert anders auf Hypnose. Bei mir ging es wunderbar los mit lauter positiven Wirkungen. Aber nach und nach kamen auch Erinnerungen hoch, die mich depressiv machten, verwirrt und völlig kirre. Jahrelang unterdrückte Gefühle fanden innerhalb von sechs Wochen ihren Weg nach außen, ich konnte sie nicht länger kontrollieren. Wutausbrüche, Weinkrämpfe, Lachanfälle, egal wo ich gerade war. Ein paar Tage lang musste meine Kollegin mit einem heulenden Nervenbündel im Büro leben. Ich war völlig ausgeliefert. Erlebte Schwindelanfälle, ein körperliches Zeichen dafür, wie mein seelisches Gleichgewicht in Aufruhr geraten war und dass ich mit der Aufarbeitung meiner Vergangenheit so schnell nicht klarkam. Erst durch eine zusätzliche kinesiologische Behandlung gewann ich die Kontrolle über meinen Körper zurück. Dabei ertastete der Kinesiologe die Spannung in verschiedenen meiner Muskeln und leitete daraus Erkenntnisse über Ungleichgewichte und Funktionsstörungen im körperlichen und emotionalen Bereich meines Wesens ab. So konnte ich meine durcheinander geratenen Gedanken sortieren und Fragen klären, die mein Unterbewusstsein noch beschäftigten.

Kurz vor Weihnachten vor zwei Jahren ging ich zur letzten Hypnosesitzung und bin seitdem eine andere Frau. Ich kann jetzt lockerer auf andere Menschen zugehen, komme fast mit jedem klar, den ich kennen lerne. Bin selbstbewusster geworden, werde angesprochen und ich fühle mich sauwohl in meiner Haut! Und was man nach außen wirft, bekommt man zurück. Viele gute Eigenschaften kommen jetzt endlich zum Einsatz: meine Offenheit und meine direkte Art. Ich bin kontaktfreudig und stehe immer unter Strom. Ich bin sozial engagiert, selbständig und liebe meine Freiheit. Ich bin selbstbewusst, anpassungsfähig, habe Freude am Leben. Ich bin spontan, aber sicherheitsorientiert, harmoniebedürftig, aber trotzdem temperamentvoll. Während meiner Krankheit hatte ich immer gedacht: „Nächstes Jahr, da läuft dir jemand über den Weg, der dich so akzeptiert wie du bist.“ Gleichzeitig war da der Gedanke gewesen: „Wie soll ich jemanden kennen lernen, wenn ich nicht rausgehen kann? Auf der Arbeit oder im Stall wird wohl keiner auftauchen. Und der Postbote kommt auch nicht infrage!“ Trotzdem war ich bis auf meine Krankheit mit meinem Leben zufrieden gewesen. Auch allein. Jetzt plötzlich hatte ich Augen für die Männer. Meine Unerfahrenheit trat plötzlich stärker in den Vordergrund, denn je mehr Kontakt ich zu Männern hatte, desto öfter kam ich in die Verlegenheit, Rede und Antwort stehen zu müssen. Wenn ein Mann fragte: „Wie lang bist du schon Single?“, sagte ich: „Eine Ewigkeit.“ Wenn ich vertrauter mit ihm wurde, gestand ich ihm frei heraus, dass ich noch nie einen Freund gehabt hatte und dass das an meiner Krankheit lag. Lügen zu müssen, hätte mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Und es ist mir auch niemals jemand begegnet, der wegen meiner Unerfahrenheit zurückgeschreckt wäre.

Irgendwann fiel mir dann das Buch „Unberührt“ von Arne Hoffmann in die Hand und führte mich ins Forum „Ohne Erfahrung“. Ein positives Ereignis. Ich wurde mir über Dinge klar, über die ich vorher einfach nicht nachgedacht hatte: dass ich nicht die Einzige bin. Dass es nicht unnormal ist, in meinem Alter noch keine Erfahrungen gesammelt zu haben. Und viel wichtiger: dass ich mit meiner Einstellung zum Thema Liebe, Beziehung und Sex nicht alleine dastehe. Ich pickte viel aus den Beiträgen der anderen heraus und übertrug es auf meine eigene Situation. Bekam einen Schubs in eine neue Richtung. Die verschiedenen Meinungen, Diskussionen und Vorschläge hoben meine festgefahrene Welt aus den Angeln und halfen mir, eine offenere, objektivere Sicht der Dinge zu finden. Ich fuhr auch zu den Forentreffen und lernte andere ABs kennen, mit denen ich inzwischen auch einfach so mal was unternehme. Es sind enge und weniger enge Bekanntschaften daraus entstanden. Unser gemeinsamer Hintergrund erleichtert es mir, über das Thema zu sprechen. Lustigerweise gibt es zwischen mir und anderen Forenmitgliedern immer noch eine Menge anderer Gemeinsamkeiten außer der Unerfahrenheit, die es mit jemandem, den man auf einer Party oder auf der Straße kennen lernt, nicht sofort gibt.

Seit ein paar Monaten und noch für ein paar Monate bin ich Administratorin in einem AB-Forum. Ich möchte das, was ich für mich damals aus dem Vorgänger-Forum herausgezogen habe, aktiv an die Mitglieder in unserem neuen Forum weitergeben. Es gibt immer noch so viele ABs, die denken, sie seien allein mit ihrer Situation. Für sie ist das Forum ein Anlauf- und Austauschpunkt, den ich gerne mitgestalte. Wir haben uns im Forum auch schon mal Gedanken gemacht wie wir das Thema Unerfahrenheit an die Öffentlichkeit bringen könnten. Ich frage mich immer: Warum sprechen wir eigentlich von einer zivilisierten Menschheit, wenn sie doch gar nicht zivilisiert ist? „Zivilisiert“ bedeutet für mich, dass es keine Randgruppen und Ausgestoßenen mehr gibt. Aber die Menschen finden immer wieder jemanden, den sie dazu abstempeln können. Wer anders denkt als die Gruppe, der hat verloren. Und die meisten ABs denken anders. Zum Beispiel rauchen und trinken sie selten, haben andere Interessen als dauernd in Discos abzuhängen oder in weit entfernte Länder zu reisen, nur um sich dort den ganzen Tag an den Strand zu legen. Sie haben eine ganz andere Sicht, was Anstand und Moral betrifft. Sind noch nach der alten Schule erzogen worden. Welcher Jugendliche hält heute schon einer älteren Dame die Tür auf oder bietet einer Hochschwangeren den letzten Sitzplatz im Bus an? ABs achten auf so was. Nur: Warum ist das ein Problem? Kann nicht mal jemand anders sein, seine Erfahrungen später machen oder sein Leben einfach leben, nach seinem eigenen Zeitplan? ABs sind keine Freaks, sie sind nicht unnormal. Sie sind Menschen, die eine variierte oder verzögerte Entwicklung durchmachen. Und so falsch kann ich das gar nicht finden, wenn ich bloß mal in die Zeitungen schaue: „Mutter mit 13!“ Lieber ein bisschen später seine Erfahrungen sammeln als so früh, dass sie einem die ganze Kindheit ruinieren.

Viele betroffene Frauen erleben die Beziehungslosigkeit anders als Männer. Erfüllter. Meine Ersatzbeschäftigung waren meine Familie und meine Freunde, die trotz meiner Krankheit zu mir hielten. Und meine Pferde – ein aufwändiges und verantwortungsvolles Hobby! Das Schönste daran sind die langen Ausritte, bei denen man sich den Wind um die Nase wehen lässt und ohne Stress die Natur genießt. Ich will damit nicht sagen, dass mein Pferd ein Partnerersatz gewesen wäre, nein, aber so ein Tier kann Zuneigung geben und empfangen. An seiner Seite fühlt man sich weniger allein; und das ermutigt einen dann wieder, sein Leben weiterzuleben und sich ein soziales Umfeld zu schaffen, obwohl es wirklich nicht schön ist, allein auf einer Party aufzutauchen. Alles in allem bin ich ein Beispiel für den typisch weiblich positiven Umgangs mit dem Leben als AB. Doch in den Foren posten auch Frauen, die depressiv sind und unter ihrem Zustand dermaßen leiden, dass sie Selbstmordgedanken hegen. Teils aus anderen Gründen als die Männer, teils aus ähnlichen, jedenfalls kann keiner bestreiten, dass sie genauso leiden wie die Männer. Wer möchte nicht so geliebt werden wie er ist? Was sich bei männlichen und weiblichen ABs am meisten deckt, ist diese Eigenschaft irgendwo zwischen Schüchternheit und Sozialphobie, die es ihnen erschwert, auf andere zuzugehen.

Früher war ich sehr, sehr schüchtern. Dazu hilfsbereit und nett, da wird man leicht ausgenutzt. Ich stand immer nur im Schatten meiner so genannten Freundinnen. Im Nachhinein betrachtet waren das nicht mehr als Bekannte, die ich mit jedem Stallwechsel meines Pferdes und jedem Umzug meiner Familie problemlos auswechselte. Was Freundschaft bedeutet, habe ich erst begriffen, als ich vor sieben Jahren meine damalige Arbeitskollegin näher kennen lernte, die heute eine sehr gute Freundin ist. Sie ist ein Jahr älter als ich und sehr verständnisvoll. Sie war lange die einzige, die außer meiner Familie wusste, dass ich noch nie eine Beziehung gehabt hatte. Obwohl es mir auch vor anderen nie so richtig unangenehm war. Was ist schon dabei? In der Firma würde ich es nicht gerade herumtratschen, da würde dann die Gerüchteküche kochen, aber privat ist mir egal, wer es weiß. Mobbing habe ich nie erlebt, aber selbst wenn: Ich lasse mich nicht von der Meinung anderer beeinflussen. Ich bin nicht anfällig für Gruppenzwänge. Wenn fünf Bekannte anfangen zu rauchen, entscheide ich mich  trotzdem unabhängig, ob ich mitmache oder nicht. Und wenn es deshalb Ärger gibt, gehe ich meinen eigenen Weg. Das hab ich schon immer so gehalten und werde es auch weiterhin tun.

Jedenfalls muss ein ehemals schüchterner Mensch, der so lange nicht mit anderen Menschen umgegangen ist wie ich, erst lernen, mit seinem neuen Selbstbewusstsein und seinem neuen Ich umzugehen. Und das bedeutet auch: negative Erfahrungen durchmachen. Seit der Therapie erlebe ich das, was andere über Jahre hinweg erleben, in ein paar Monaten. Es wäre manchmal gut, das Tempo etwas zu drosseln, aber wer mich kennt, weiß, dass ich Hummeln im Hintern habe und ein langsameres Tempo nicht lange aushalte. Geduld ist nicht unbedingt meine Stärke. Im ersten Jahr nach den Hypnosesitzungen lebte ich noch in meinem eigenen Schatten. Ich verliebte mich unglücklich, geriet in einen Albtraum von Verarschung: Nach mehreren Treffen mit dem Mann, bei denen mehr als nur Küssen gelaufen war, erfuhr ich von zwei weiteren Frauen, mit denen er was hatte. Ich war am Boden zerstört. Es kostete mich sechs Monate, darüber hinwegzukommen. Aber das war genau das, was ich brauchte, um aufzuwachen. Ohne das würde ich heute noch in meiner unwirklichen Welt hängen. So aber war mein Ehrgeiz geweckt, etwas zu ändern, das Leben auszukosten anstatt immer nur zurückzuschauen. Mich nicht zurückzuziehen sondern die Flucht nach vorn zu ergreifen. Nur nicht aufgeben!

Ich probierte Datingseiten im Internet aus, fand dort aber nur Spinner, die Frauen fürs Bett suchten. Ich fuhr zum ersten Mal seit Jahren in den Urlaub, allein. Ich stöberte stundenlang in den Internetforen verschiedener Frauen- und Männerzeitschriften und siehe da: Die Leute dort hatten ganz ähnliche Probleme wie ich und eigentlich noch viel schlimmere. Zum Ende des Sommers hin fand ich einen Chat, indem ich endlich meine Hemmungen ablegte, meine große Klappe aufmachte und mein neues Ich ausprobierte. Es entwickelten sich ein paar Onlinefreundschaften und eine gute Handvoll Dates. Die unterschiedlichen Charaktere, die ich dabei kennen lernte, erweiterten meinen Horizont. Schon nach dem zweiten Date wurde ich viel gelassener, war nicht mehr so aufgeregt. Musste nicht mehr dauernd auf der Toilette verschwinden oder meine Rescuetropfen nehmen.

Während eines unbeabsichtigten One Night Stands erlebte ich mein erstes Mal. Für mich war es mechanisch und gefühllos. Für ihn wohl auch, denn er wollte zwar wieder mit mir schlafen, aber nicht, dass sich Nähe entwickelte. Ernüchternd, diese Erfahrung, aber so habe ich wenigstens gelernt, dass Sex nicht die Welt verändert. Danach wurde ich mutiger, der intensive Austausch über meine Wünsche und Bedürfnisse bei den AB-Treffen und im Forum machte es langsam leichter, mit den Gefühlen umzugehen, die einen bei der Partnersuche aufwühlen: Mit jedem Date wieder die Hoffnung, dass es ein zweites und ein drittes geben und dass das Daten dann endlich in eine Beziehung übergehen wird. Jedes Mal wieder die Enttäuschung, wenn die Kontakte abbrachen. Irgendwann hörte ich auf zu suchen. Einen Partner herbeizwingen konnte ich eh nicht. Ich klammerte mich an den Mann, der gerade da war. Eine sehr kurze Affäre, ich versuchte, mehr daraus zu machen als es war: „Wenn du jetzt noch weiter suchst, klappt es eh nicht noch mal“, dachte ich, „Bleib bei dem, was du hast, vielleicht entwickelt sich da ja auch mehr draus.“ Heute würde ich sagen: „Nicht mit mir. Sei locker, bleib locker und schau, was kommt. Versteif’ dich nicht auf etwas. Wenn es so sein soll, wird es sich ergeben.“

Komischerweise wurde genau zu diesem Zeitpunkt aus einem harmlosen Chat mit einem anderen Mann, an den er und ich ohne Absichten herangegangen waren, Interesse. Und es wuchs auf beiden Seiten. Weil wir beide durch Zufall und ohne jede Erwartung in diese Beziehung hineinschlitterten, lief das alles wie automatisch, komplett ohne Zwänge oder Anleitungen. Wir chatteten stundenlang, tauschten Fotos aus. Telefonierten und trafen uns bald darauf live. Seitdem sind wir ein Paar, es hat tierisch gefunkt bei diesem Treffen. Seit vier Monaten erlebe ich nun mit Kevin meine erste Beziehung mit allem drum und dran. Wir sind sehr glücklich. Ich habe meinen Seelenverwandten gefunden. Und ich bin froh darüber, aber nicht völlig perplex. Nicht gelähmt vor lauter Überraschung. Interessanterweise läuft unsere Beziehung genau so wie ich sie mir immer vorgestellt habe. Mit einem vernünftigen Mann, der sich gibt wie er ist, ohne Theater zu spielen oder mit Balzritualen mein Interesse wecken zu müssen. Ein harmonisches Miteinander, bei dem jeder von uns beiden sein eigenes Leben weiterlebt und den anderen trotzdem teilhaben lässt und jederzeit für ihn da ist.

Wir führen eine Fernbeziehung, aber wir sehen uns jedes Wochenende und wollen nach einem Jahr zusammenziehen, vielleicht auch schon früher, wenn sich die Jobfrage regeln lässt. Für den Anfang ist die räumliche Distanz genau das richtige. Wir telefonieren jeden Tag mindestens eine Stunde und dabei wächst die Sehnsucht nacheinander bis zum nächsten Wiedersehen. Kevin ist für mich immer noch wie ein Traum, der wahr geworden ist. Er ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden und hat die Einsamkeit in den weit entfernten Hintergrund gerückt. Es gibt jetzt andere Prioritäten in meinem Leben, gegenseitige Rücksichtnahme und so. Bisher klappt das bis auf ein bisschen Gekabbel hin und wieder auch alles sehr harmonisch. Kevin hat es mit meinem Dickkopf und Eigenwillen manchmal wirklich nicht leicht. Weil ich so lange allein war, habe ich mich daran gewöhnt, auch alles allein zu machen. Ich muss erst lernen, die Zügel mal abzugeben oder etwas gemeinsam zu erledigen. Das fängt beim Einkaufen an und hört beim Küchemachen auf. Aber meinen Egoismus habe ich lang genug ausgelebt, jetzt bin ich in einer Beziehung und das gefällt mir so gut, dass ich mich gerne darauf einrichte.

Zum Thema Sex kann ich den anderen ABs nur sagen: Ihr bewertet ihn total über. Als Single hat er mir nie gefehlt. Ich spürte nicht mal den Drang, mich selbst zu befriedigen, ich spüre ihn immer noch nicht, wenn ich allein bin. Anfangs aus erwähntem Ekel vor allem Körperlichen, und seit der nach meiner Therapie von Erfahrung zu Erfahrung weniger wurde, finde ich Selbstbefriedigung heute einfach nur langweilig. Zu zweit macht Sex Spaß, alleine überhaupt nicht. Und es soll keiner sagen, dass eine Frau, die das so empfindet, triebfrei ist. Es gibt doch auch Männer, die in Notzeiten nicht selbst Hand anlegen und trotzdem gerne mit einer Frau schlafen. Klar macht das Spaß und vor allem die Nähe zum Partner ist unbeschreiblich. Aber es gibt tausend andere Dinge, die zu einer Partnerschaft dazugehören, und viel wichtiger sind. Ich fühle mich beim Sex nicht als Lehrling, obwohl ich weniger Erfahrung damit habe als Kevin. Ich mache mir keine Gedanken darüber, wer von uns mehr kann. Wir machen das, was uns beiden Spaß macht, und probieren einfach immer wieder Neues aus. Auch wenn er erfahrener ist als ich, muss er sich ja neu auf mich einstellen, weil ich anders reagiere als andere Frauen. Mit jedem neuen Partner erlebt man ein neues erstes Mal. Ich genieße den Sex mit Kevin – mit Gefühlen ist es im Bett einfach viel schöner –, aber er ist nicht der Mittelpunkt unserer Beziehung. Die Nähe, die Umarmungen, die Streicheleinheiten, die Vertrautheit, das Vertrauen und das aufeinander einlassen und miteinander fallenlassen Können: Das ist der Mittelpunkt unserer Beziehung. Und der Sex? Ein immer wiederkehrender Höhepunkt, an dem wir uns einander ganz nah fühlen.

Lange habe ich gedacht: Sex ohne Liebe geht nicht. Dann wurde ich selbstbewusster und merkte: Es geht doch, dann hat er allerdings so was Technisches an sich. Ich wurde neugieriger, offener, frecher und fühlte mich bereit zum Auszuprobieren. Als ich noch neu im Forum war, ging ich davon aus: „Erst verliebst du dich, und wenn dich dann jemand genauso zurück liebt, dann hältst du noch eine Wartezeit ein und schläfst erst dann mit dem Mann.“ So wird das in etlichen Ratgeberbüchern und Ratgeberseiten im Internet empfohlen. Nach dem Motto: „Wirfst du dich ihm an den Hals, wird eh nichts Langfristiges draus. Wahre die Distanz, halte dich an die Zeitangaben, bla bla bla.“ Zuerst dachte ich: Wenn einer so einen Leitfaden schreibt, muss das wohl so abgehen. Tja, Pustekuchen. Je mehr Erfahrung ich sammelte und je mehr ich mich im Forum darüber austauschte, desto klarer wurde mir: Wenn ich an dieser Einstellung festhalte, werde ich mein Leben lang allein bleiben. Beziehungsanbahnung, sofern es nicht Liebe auf den ersten Blick ist, funktioniert nun mal anders. Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen. Aber solche Spielchen sind mir sowieso zuwider. Und auch wenn manche so genannten Experten meinen, es sei evolutionsbedingt in unseren Genen so und nicht anders eingestellt – muss ich mich daran halten? Wozu habe ich meinen eigenen Kopf?

Mit Gleichaltrigen aus meinem alltäglichen Umfeld habe ich selten über Sex gesprochen. Eine Kollegin in der Ausbildung erzählte mir von ihrem ersten Mal. Sie war achtzehn und hatte davor auch null Erfahrung. Ich hörte zu und schwankte zwischen Ekel und Faszination. Wirklich hören wollte ich es nicht. Zwar schaute ich „Wa(h)re Liebe“ mit Lilo Wanders im Fernsehen, aber was Bekannte in ihrem Privatleben so trieben, sollten die schön für sich behalten. Das ist mir zu intim. Ich will die Dinge lieber selbst erleben. Wenn mir fünf Leute fünf verschiedene Dinge über Sex erzählen, wem soll ich denn dann glauben? Da finde ich lieber selbst heraus, was ich wissen will. Dauert vielleicht etwas länger, aber funktioniert auch. Da kommt dann wieder mein Dickkopf zum Vorschein. Gutes Beispiel: das erste Mal. Manche Frauen haben Schmerzen, andere nicht. Warum sollte ich mir Angst machen lassen?

Auch wenn mein Fazit, meine Erkenntnisse für jemanden, der von Anfang an eine durchschnittliche Entwicklung durchgemacht hat, nicht besonders neu klingen mögen, für einen AB sind sie wichtig: Verknalltsein, Verliebtheit und Liebe müssen wachsen, die entstehen nicht über Nacht. Aus Interesse aneinander, Sympathie und Zuneigung füreinander kann mehr werden oder auch nicht. Und wenn nicht, dann gibt es genug andere Männer auf der Welt. Ich hoffe zwar nicht, dass meine Beziehung jemals zu Ende gehen wird, aber wenn doch, werde ich nach einer Zeit der Trauer stark genug sein, um mich auf jemand anderen einlassen zu können. Der Knoten ist geplatzt. Kopf hoch, das Leben geht weiter! Ich habe einige Körbe kassiert und ich habe es überlebt. Trotzdem wieder jemanden anzusprechen, kostet Überwindung, aber was ist schlimmer: ein Korb oder jahrelang unglücklich lieben? Nicht, dass ich gefühlskalt geworden wäre. Aber wenn eine Verbindung nicht sein soll, muss das Thema abgehakt werden. Klar tut das weh, aber die Fronten müssen geklärt sein. Wenn es darum geht, ob man geliebt wird oder der Angebetete eine Beziehung mit einem eingehen will, gibt es nur zwei Antworten: Ja oder Nein. Nicht: „Vielleicht irgendwann, wenn ich nur lange genug schmachte.“ Und ja, die Gefahr, dass ich von einem Mann verarscht werde oder dass er Spielchen mit mir spielt, besteht immer noch. Aber je länger ich übe, desto besser wird meine Antenne für die Absichten neuer Bekannter. Männer sind auch nur Menschen, deren versteckte Sprache man lernen kann, und keine Götter, die man auf einen Sockel stellen muss. Aber auf all diese forschen Gedanken, die ich hier so fließen lasse, muss jeder AB für sich selbst kommen. Die beste Freundin kann einen noch so oft auffordern, sich zu ändern: Das bringt einfach nichts. Nur wenn man sich selbst ändern will und für das Neue öffnet, wird man Erfolg haben. Ich kann nicht versprechen, dass mein Weg derjenige ist, der für alle anderen auch funktioniert. Aber es ist eine Chance.

 

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