Sascha (28) Informatiker – Neue AB-Portraits, online only!

Heute geht es weiter mit meiner neuen Serie bisher unveröffentlichter AB-Protokolle. Nach der Geschichte von Lucy (26), Mitarbeiterin in einem Pharmazieunternehmen, folgt hier das zweite von zehn AB-Portraits, die ich für mein Buch “Und wer küsst mich“, zu dem dieser Blog gehört, aufgezeichnet hatte, die dann aber im Lektorat aus dem Manuskript herausgekürzt wurden.


Sascha, 28, Informatiker: „Ich betrachte meine Beziehungslosigkeit als Behinderung“

Ich mache mehrere Faktoren dafür verantwortlich, dass ich keine Partnerin finde, und es ist schwer zu definieren, inwiefern sie sich gegenseitig beeinflussen und wo mein Leiden angefangen hat. Der einzige Faktor, der von außen reinspielt, ist die Emanzipation. Ich bin kein Mann, der sagt: „Frauen gehören an den Herd!“ Aber es kann doch keiner leugnen, dass noch vor zehn oder zwanzig Jahren viele Paare zusammenfanden, weil Männer und Frauen nur ein einziges Bild von einer Beziehung vermittelt bekamen: Der Mann war der Versorger, die Frau kümmerte sich um Kinder und Haushalt. Die Emanzipation hat mit diesem Bild gebrochen, was gut ist, uns aber auch mit einigen inkonsequenten Folgeerscheinungen zurückgelassen hat. Einerseits denken Frauen jetzt, was völlig in Ordnung ist, an ihre eigenen Karrieren, sind nicht länger auf die Männer als Versorger angewiesen und gehen ihre eigenen Wege. Andererseits retten sie die Emanzipation aber nicht mit hinüber ins Beziehungsleben. Da kommt kaum eine Frau auf die Idee, mal den ersten Schritt zu wagen. Da suchen sie nach den alten Mustern einen dominanten Mann, der das schon alles in die Wege leitet. Erfahren soll er sein und auf gar keinen Fall psychisch angeknackst. Daran wird sich auch in den nächsten Jahren nichts ändern.

 

Alle anderen Faktoren, die ich für meine Unerfahrenheit verantwortlich mache, liegen bei mir selbst: Ich halte mich für unattraktiv. Wenn ich mich beim Friseur eine halbe Stunde lang im Spiegel anstarren muss, bin ich sehr schlecht gelaunt. Ich sehe einen 1 Meter 73 kleinen Brillenträger mit schiefen Zähnen und einer hässlichen Zahnspange, um sie zu richten. Wenn ich dann, um mich von hinten bewundern zu können, von der Friseurin noch einen zweiten Spiegel hingehalten bekomme, in dem ich meine kahlen Stellen betrachten darf, ist mein Tag gelaufen. Die Haare, die mir am Hinterkopf fehlen, wachsen an Körperstellen, an die sie nicht hingehören, umso üppiger. In seltenen, ganz schwarzen Momenten halte ich es sogar für möglich, dass die Natur nicht will, dass ich Eigenschaften wie meine Kurzsichtigkeit oder meine unzeitgemäße, neandertalermäßige Körperbehaarung weiter vererbe, und dass sie darum dafür sorgt, dass ich vielleicht per Geruch eine Art Warnung an die Frauen ausstrahle, sich besser nicht mit mir zu paaren. Wenn mir Freunde beteuern: „Du bist nicht hässlich!“, und das tun sie, kann ich ihnen nicht glauben. Ich würde ja aus Höflichkeit auch niemandem sagen, dass er unattraktiv ist.

 

Und dann auch noch schüchtern. Als ich klein war, schickten meine Eltern immer meine ein Jahr ältere Schwester vor. Wenn wir zum Bäcker gehen sollten, war sie es, die die Bestellung aufsagte. Wenn wir die Nachbarn zur Kommunion einladen wollten, ging meine Schwester rüber und bat sie zu kommen. Mir wurde dagegen nie beigebracht, den ersten Schritt auf andere zuzugehen. Erst recht nicht auf Frauen. Ich bin zu schüchtern, um mit ihnen über meine Gefühle zu sprechen, ich habe Angst vor der Reaktion. Deshalb halte ich mich an SMS, E-Mail oder klassische Briefe. So lange sich unser Kontakt auf einer freundschaftlichen Ebene bewegt, fühle ich mich ja noch relativ sicher. Sobald ich aber mehr für eine Frau empfinde und womöglich mit ihr allein bin, läuten in meinem Körper die Alarmglocken. Dann bestehe ich nur noch aus Würgereiz, Magenkrämpfen, Stottern, Herumgestammel. Trotzdem merken die Frauen angeblich nicht, dass ich Beziehungsabsichten habe, sondern parken mich auf der Kumpelschiene. Irgendwie läuft unsere Kommunikation da schief.

 

Zu diesen beiden Nachteilen kommt mein geringes Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Ich weiß, dass ich ein liebenswerter und wertvoller Mensch bin. Aber das signalisiert man mir nur auf der freundschaftlichen Ebene. So lange mich keine Frau als Partner liebt und mir das Gefühl gibt, auch als Mann wertvoll zu sein, werde ich nicht glauben, dass ich es bin. Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht da. Wenn ich durch die Stadt gehe, werde ich selten wegen Umfragen oder Zeitungsabonnements angequatscht. Wenn ich in der Kneipe an der Theke stehe und etwas bestellen möchte, beachtet mich keiner. Dann bin ich nicht in der Lage, auf mich aufmerksam zu machen. Das zieht mich so runter, dass ich mich umdrehe und ohne ein Bier getrunken zu haben nach Hause gehe. Wie soll sich da ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln? Wie soll es sich entwickeln, wenn ich bei der Partnersuche nur Misserfolge vorweisen kann? Ich stecke in zwei Selbstbewusstseins-Teufelskreisen, mit denen ich arg zu kämpfen habe. Erstens: Je mehr ich mich mit mir und meinem Selbst beschäftige, desto depressiver werde ich. Zu viel Selbstreflektion bekommt mir nicht. Dabei wäre es wirklich wichtig, dass ich an mir und meinem Selbstbewusstsein arbeite. Zweitens: Weil ich noch nie eine Beziehung hatte, fressen mich meine Selbstzweifel völlig auf und zerstören mein ohnehin schon angeschlagenes Selbstbewusstsein. Frauen aber mögen selbstbewusste Männer, weshalb ich gleich wieder durch ihr Raster falle. Bisher bin ich noch bei jeder Frau auf die Nase gefallen, bei der ich aktiv geworden bin. Und darum bleibe ich jetzt einfach passiv, auch wenn das nicht gerade besonders Erfolg versprechend ist.

 

Seit ich vierzehn bin, habe ich das Bedürfnis nach einer Beziehung. Bis ungefähr zu meinem siebzehnten Geburtstag verbrachte ich meine Jugend in einer reinen Jungenclique. Nur einer von uns hatte eine Freundin. Der Rest stand daneben und wusste nicht wie man eine Frau erobert. Und obwohl es uns allen ähnlich ging, merkte ich damals schon, dass mir auch die gleichaltrigen Jungs ohne Freundin deutlich voraus waren. Spätestens aber als ich die Schule wechselte und in eine neue Clique kam, in der fast jeder einen Partner hatte, begriff ich, dass ich anders war. Was den Austausch von Zärtlichkeiten betrifft, bewege ich mich auf dem Niveau eines Zwölfjährigen. Außer Küssen nichts gelaufen. Ich bin bisher vier Mal geküsst worden, immer ging die Initiative von der Frau aus und immer waren wir beide betrunken. Meinen ersten Kuss bekam ich mit 23 und dachte damals, dass der Bann nun endlich gebrochen sei. Seit ich zugeben musste, dass ich mich geirrt habe, und seit ich weiß, was ich verpasse, geht es mir noch schlechter als vorher. Wobei ich noch am besten mit der Tatsache umgehen kann, dass ich nie Sex hatte. Für mich ist es schwerer, ohne Beziehung zu leben, mit der ungestillten Sehnsucht nach Zärtlichkeiten, als ohne Sex. Mein Verlangen danach ist sehr groß, aber man kann es wenigstens ganz gut mit Selbstbefriedigung kompensieren. Ich denke dauernd an Sex, ohne überhaupt zu wissen wie sich das anfühlt. Es muss ein sehr schönes, intensives Gefühl sein, ich bin sowieso sehr empfänglich für die körperliche Nähe einer Frau. Und näher als beim Sex kann man einer Frau nun mal nicht sein.

 

Für mich kämen auch One Night Stands infrage, um dem mal auf den Grund zu gehen, allerdings kann ich mir nicht vorstellen, welche Frau Interesse an einem One Night Stand mit mir haben sollte. Dabei spielt doch ein attraktives Äußeres eine noch größere Rolle als bei der normalen Partnersuche. Also stehen meine Karten wohl nicht so gut. Ich bin sogar schon durchs Rotlichtviertel geirrt und habe ernsthaft darüber nachgedacht, mir Sex zu kaufen. Allerdings kam mir meine Schüchternheit ins Gehege. Außerdem habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ich mein erstes Mal auf normalem Wege erleben werde. Bis dahin wäre mir aber jedes Mittel recht, um zumindest meine sexuelle Unerfahrenheit zu beenden. Ich hätte wie beim ersten Kuss auch beim ersten Sex die Hoffnung, dass er endlich den Knoten zum Platzen bringen würde. Angst vor körperlicher Nähe mit dem anderen Geschlecht habe ich jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Ich genieße jede Umarmung, jede Streicheleinheit. Wenn ich einer Frau vertraue, werde ich keine Hemmungen haben, mich bei ihr auch körperlich fallen zu lassen.

 

Meine Stimmung wechselt häufig. An guten Tagen glaube ich, dass ich auch ohne Beziehung glücklich sein kann. An schlechten Tagen komme ich von den Suizidgedanken kaum noch los. An jedem einzelnen Tag weiß ich, dass mein Lebensziel in Gefahr ist. Die Verwirklichung meines Traums von einer Familie mit zwei oder drei Kindern, mit denen ich im Garten Fußball spielen und am Samstag ins Stadion gehen könnte, wird immer unwahrscheinlicher. Die verpasste Zeit lässt sich nie wieder aufholen. Wenn ich zurückblicke, sehe ich ein, dass ich mein Leben jetzt schon vergeigt habe. Ich will gar nicht wissen wie es sich anfühlt, wenn ich 40 oder gar 50 Jahre alt sein werde und sich in Sachen Beziehung immer noch nichts getan haben sollte. Meine Andersartigkeit war von Anfang an ein großes Problem für mich. Meine Unfähigkeit, auf dem Gebiet „Beziehung“ etwas zu erreichen, bestimmt mein Befinden. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens eine Stunde darüber nachdenke.

 

Morgens stehe ich um fünf Uhr auf, lange bevor die ersten Pärchen am Main entlang spazieren, und gehe joggen, um mein Gewicht zu halten und wenigstens damit den weiblichen Wunschvorstellungen zu entsprechen. In der Bahn auf dem Weg zur Arbeit lese ich Lebenshilfebücher. Im Büro suche ich zuerst in den AB-Foren nach neuen Einträgen und Kontaktanzeigen. Nach Feierabend dasselbe Spiel noch mal. Es gibt nichts, was mich von meinem AB-Sein ablenken könnte. Selbst auf einem guten Konzert, wenn die Musik mir in jeden Winkel fährt, oder während eines schönen Abends mit Freunden bin ich nicht sicher vor dem plötzlich zuschlagenden Gedanken an meine Unerfahrenheit, der mir den Abend völlig versaut. Mein Leidensdruck ist groß. Er blockiert jeden Versuch, an mir zu arbeiten. Ich kann mich nicht akzeptieren wie ich bin. Ein AB. Ich bin nicht in Ordnung, so wie ich bin. Wäre ich sonst AB? Alles, was ich tue, tue ich, um endlich kein AB mehr zu sein. Ich gehe auf Partys, obwohl ich viel zu müde und kaputt bin und überhaupt keine Lust habe, nur damit ich mir hinterher nicht einreden kann, dass mir ganz bestimmt ganz genau an dem einen Abend, an dem ich nicht gegangen bin, die Frau meines Lebens begegnet wäre. Ich will mich jetzt mit dem Buddhismus auseinandersetzen. Um Glück und Zufriedenheit in mir selbst zu finden. Aber nicht, weil ich mir selbst damit einen Gefallen täte, sondern weil man doch immer sagt: Nur wer sich selbst liebt, wird auch von anderen geliebt.

 

Es ist, wenn auch selten, durchaus schon vorgekommen, dass eine Frau auf mich zukam. Kurioserweise passiert das immer geballt. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie mich mal eine Frau während eines Konzertes ansprach und wir uns zwei Stunden danach noch unterhielten. Das gab mir soviel Auftrieb, dass ich prompt am darauf folgenden Wochenende wieder von zwei Frauen angesprochen wurde. Leider war ich betrunken. Das brauche ich manchmal, um meinen Arbeitsspeicher zu löschen und eine Weile Ruhe vor mir selbst und meinen negativen Gedanken zu haben. Oder auch, um gute Laune zu simulieren, damit meine Freunde nicht merken, wie schlecht es mir eigentlich geht. Manchmal geht die Strategie allerdings nach hinten los und ich verrate im betrunkenen Zustand mehr von meinen Gedanken als mir lieb ist. Oder ich reagiere, wie an jenem Abend, sehr grob und ablehnend auf eine Frau. „Ich tanze generell nicht“, habe ich zu ihr gesagt, als sie mich aufforderte, mit auf die Tanzfläche zu kommen. Nichtsdestotrotz muss ich in diesen Tagen etwas ausgestrahlt haben, das ich sonst nicht ausstrahle. Als ich dann aber versuchte, mein Hoch aktiv zu nutzen und das gute Gefühl zu speichern, verkrampfte ich wieder total und durchbrach meine Glückssträhne.

 

Es gibt sie bestimmt, meine Traumpartnerin, und ich glaube sogar, sie würde sich mit mir abfinden. Nur sie zu finden und anzusprechen und dabei ich selbst zu bleiben, das stelle ich mir extrem schwer vor. Ich weiß, dass die Frauen mir meine Verzweiflung anmerken. Dass sie ahnen: Der hat seine Ansprüche heruntergeschraubt, der würde jede nehmen. Es stimmt, ich würde wirklich fast jede nehmen, obwohl ich weiß: Frauen wollen nicht eine von vielen, sondern etwas Besonderes für ihren Partner sein. Diejenige, die sich für mich entscheiden könnte, würde ich ja dann auch wie ein besonders wertvolles Geschenk behandeln. Ich würde bis hin zur Selbstaufgabe alles für sie tun, würde meine eigenen Bedürfnisse vernachlässigen. Würde ihr alles geben, wonach sie sich sehnt: Treue ist für mich zum Beispiel sehr wichtig. Ich würde nie eine Beziehung durch einen Seitensprung aufs Spiel setzen. Auch viele andere Charaktereigenschaften, die sich eine Frau von ihrem Traummann erhofft, bringe ich mit. Sie könnte einen klassischen Kumpeltyp erwarten, der nicht nur Lebenspartner, sondern auch bester Freund wäre. Ich bin zuverlässig, immer für andere da und helfe, wo ich kann. Beim Sport und im Beruf bin ich diszipliniert und ehrgeizig. In der Freizeit humorvoll und für jeden Scheiß zu haben. Ich liebe es trotz meiner depressiven Seiten, herumzualbern und Schwachsinn zu reden. Ich mache gern mit meinen Freunden einen drauf. In einer Beziehung möchte ich Seiten ausleben, die keiner an mir kennt. Ich kann sehr romantisch sein, aber ich habe keine Gelegenheit dazu, man hockt sich schließlich nicht allein bei Kerzenschein ins Zimmer und träumt von einem kuscheligen Moment mit seiner nicht vorhandenen Partnerin. Allein brauche ich immer viel Licht, weil mich eine Schlummeratmosphäre melancholisch und depressiv stimmt. Aber mit Frau: gerne romantisch! Früher wäre es mir wichtig gewesen, dass meine Partnerin an denselben Dingen Spaß gehabt hätte wie ich. Eine, die nicht mit auf Festivals gefahren wäre und nicht die gleiche Musik gemocht hätte wie ich, wäre undenkbar gewesen. Mittlerweile sehe ich das anders. Ich brauche Freiräume für meinen Sport und genauso würde ich auch meiner Partnerin ihre Freiräume einräumen.

 

Ich kann außer diesen Wunschträumen zwar leider keine Erfahrung in Sachen Beziehungen vorweisen, aber dafür jede Menge Erfahrung mit Verliebtsein. Seit ich vierzehn wurde, bin ich immer verliebt gewesen. Bevor ich mich nicht in eine neue Frau verliebt habe, kann ich mich von ihrer Vorgängerin nicht lösen. Und so hänge ich nun seit sieben Jahren beinahe ununterbrochen an derselben Frau: Steffi. Blaue Augen, weißes Lächeln… Sie kommt aus meiner alten Heimat und strahlt eine faszinierende Lebensfreude aus, eine Lebensfreude, die mir verloren gegangen ist, und die sie auch gerne mit mir teilt. In ihrer Nähe kann ich positive Energie tanken. Nach unserem Kennenlernen auf einem Fest hatte ich all meinen Mut zusammengenommen und sie zu einem Konzert der Band meiner Kumpels eingeladen. Seitdem waren wir regelmäßig zusammen ausgegangen. Allein die Tatsache, dass ich nun eine eigene Kumpelfreundin hatte, war schon aufregend genug, um in mir ein verliebtes Kribbeln zu entfachen.

 

Einige Monate später dann der Schock: Steffi stellte mir ihren neuen Freund vor. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich startete eine letzte Offensive und warf Steffi meine Gefühlswelt vor die Füße, aber ich war für sie wie für jede andere Frau auch nur ein guter Freund. Sie trennte sich von ihrem Partner, wir unternahmen wieder mehr miteinander, ich spürte neue Hoffnung in mir aufsteigen. Aber für Steffi war und blieb ich der Kumpel. Mittlerweile ist sie mit einem meiner Kumpels zusammen. Immer, wenn wir mit unserer Clique unterwegs sind, sehe ich sie und kann ihr nicht aus dem Weg gehen, um einfacher mit dem Thema abzuschließen. Allerdings will ich ihr auch gar nicht aus dem Weg gehen, weil sie mir so wichtig ist. Wenn wir beide, was vorkommt, allein losziehen, werden wir schon mal für ein Paar gehalten. Dann freue ich mich, dass man mir so eine tolle Frau als Freundin zutraut. Andererseits stürzt es mich in einen Strudel aus depressiven Gedanken, denn ich weiß: Ich werde nie mit ihr zusammensein.

 

Steffi. Ich komme einfach nicht von ihr los. Ich genieße es so sehr, mit ihr auszugehen, spazieren zu gehen, mich mit ihr zu unterhalten, was auch immer. Danach fühle ich mich dann einsamer als je zuvor, aber währenddessen erlebe ich wenigstens für einen kurzen Moment die Ahnung wie sich eine Beziehung anfühlen muss. Nicht unbedingt mit Steffi, ich wäre durchaus offen für eine Beziehung mit einer anderen. Ich empfinde bloß so viel für Steffi, weil mir unsere Freundschaft so viel Halt gibt. Und weil ich das Gefühl, verliebt zu sein, brauche. Als Ersatz für die Liebe. Und manchmal, damit ich mich an irgendeinen Grund zu leben klammern kann. Wobei: Ob das mit Steffi wirklich noch was mit Verliebtsein zu tun hat, wage ich zu bezweifeln. Was weiß ich denn, wann aus Verliebtsein Liebe wird und ob ich jemals Liebe empfunden habe oder geliebt wurde. „Ich liebe dich!“ hat noch nie jemand zu mir gesagt. Steffi gibt mir einfach die Kraft, überhaupt noch weiter zu machen und mich nicht komplett aufzugeben.

 

Dabei bin ich sonst gar kein Typ, der resigniert, sondern ein Kämpfer, der sich so schnell nicht runterkriegen lässt. Wenn ich einen Marathon laufe und bekomme auf den letzten Kilometern Krämpfe, dann beiße ich die Zähne zusammen und laufe weiter. Beim Fußball renne ich auch mit fünf Toren Rückstand jedem Ball hinterher und versuche, dass Spiel noch zu drehen. Und wenn auf der Arbeit etwas nicht so läuft wie ich es mir vorstelle, suche ich in meiner Freizeit an meinem eigenen PC nach Lösungen. Beim Sport und im Beruf bin ich also durchaus selbstbewusst. In diesen Bereichen mache ich ja auch Fortschritte und muss kaum Rückschläge einstecken. Aber bei der Partnersuche ist es nicht so leicht, ein Kämpfer zu sein. Da habe ich es nicht allein in der Hand, ob ich erfolgreich bin oder nicht, und das demotiviert mich. Ich kann machen, was ich will, am Ende liegt die Entscheidung bei der Frau. Wie oft habe ich schon versucht, das Thema Frauen einfach abzuhaken, damit es mich nicht länger quält. Aber der Mensch ist nun mal triebgesteuert und es liegt in der Natur, dass er seine Art erhalten und sich paaren will. Es gab Zeiten, in denen ich mir selbst in die Hoden geschlagen habe, weil ich meine Testosteron-Produktion lahm legen wollte, um diesem Trieb nicht länger ausgeliefert zu sein. Aber außer Schmerzen hat mir das auch nichts gebracht. Also bin ich zu Erfolg versprechenderen Strategien gegen mein AB-Sein übergegangen. Ich will mir nicht vorwerfen lassen, dass ich nichts versucht hätte, um meine Situation zu ändern.

 

Kontaktanzeigen. So gut wie nie werde ich von einer Frau angeschrieben. Ohne Foto nicht, denn sie wollen nicht die Katze im Sack kaufen, und mit Foto sowieso nicht, weil ich eben aussehe wie ich aussehe. Ab und an logge ich mich ein und sehe mit Freude, dass eine Nachricht auf mich wartet. Aber dann hat die Absenderin Moskau als Wohnort eingetragen und es ist schnell klar, was sie wirklich will. Wenn ich mich aufraffe und selber ein paar Antworten auf Kontaktanzeigen von Frauen verschicke, kommt auf zehn Antworten eine Rückmeldung. Dabei achte ich doch darauf, dass ich wenigstens die Mindestanforderungen der Frauen erfülle, auch wenn das die Auswahl erheblich einschränkt. Unabhängig von ihrer eigenen Größe wollen sie alle einen Typen ab 1 Meter 80, da kann ich nicht mithalten. Aus der einen Rückmeldung, die ich bekomme, wird dann etwas Rumgemaile, bis die Frauen den Kontakt ohne ersichtlichen Grund einfach abbrechen. Erst zweimal ist es bisher anders gelaufen und wir haben tatsächlich telefoniert. Uns dann sogar getroffen, in beiden Fällen in einem Café. Immer dachte ich, der Abend sei ganz gut gelaufen, aber immer sahen das die Frauen scheinbar anders. Die eine, die mir vor dem Treffen täglich vier oder fünf SMSsen geschickt hatte, mailte danach: „Die Chemie zwischen uns stimmt nicht.“ Die andere ließ gar nichts mehr von sich hören und löschte in der Kontaktbörse alle meine bisherigen Mails. Deutlicher geht’s wohl nicht.

 

Auch Speed-Dating habe ich schon mitgemacht. Dass da viel mehr Männer als Frauen auftauchten, überraschte mich nicht sonderlich. Beim ersten Mal kreuzte ich bei acht von neun Frauen an, dass ich Interesse an einem Wiedersehen hätte. Die neunte hatte ununterbrochen von den Fischbeständen im Main geschwafelt. Von einer der anderen acht bekam ich die Nummer. Die hatte dann aber nie Zeit für ein Treffen. Nach drei Telefongesprächen sagte sie: „Ich melde mich, wenn’s besser passt.“ Nie wieder was von ihr gehört. Scheinbar wollte sie nur ihren Marktwert testen. Beim zweiten Versuch machte ich nur noch bei vier von acht Frauen ein Kreuzchen für ein Wiedersehen. Die anderen waren deutlich älter als ich; der Veranstalter war wegen der Sommerflaute auf die unsinnige Idee gekommen, mehrere Altersgruppen zusammenzulegen, damit er weiter Kohle scheffeln konnte. Wieder bekam ich Telefonnummer und E-Mail-Adresse einer einzigen Frau, die umgekehrt auch Interesse an mir angemeldet hatte. Aber: Ich konnte sie einfach nicht anrufen. Ich kämpfte mal wieder mit einem Stimmungstief, meine Angst blockierte mich vollständig. Um Zeit zu gewinnen, fragte ich sie per Mail, ob sie am kommenden Wochenende Lust zum Telefonieren hätte. Ihre Antwort: „Habe wenig Zeit, aber probier’ es einfach mal!“ Das hatte ich so ähnlich doch schon bei ihrer Vorgängerin gehört. Und ich wusste, was daraus geworden war: nichts. Aus Angst vor einem Korb zögerte ich noch länger, das Wochenende verging und ein weiteres. „Jetzt kannst du erst recht nicht mehr anrufen“, dachte ich und schrieb, dass es mir leid täte und ich aus psychischen Gründen nicht anrufen könne, weil sie nicht denken sollte, es läge an ihr. Und das war’s.

 

Dann rang ich mich nach langem Zögern dazu durch, eine Therapie zu versuchen. Der Gang zum Psychologen kam einer persönlichen Niederlage gleich. Ich musste mir eingestehen, dass ich ein ernsthaftes Problem hatte und nicht normal war. Und dann auch noch mit einem Fremden darüber reden. Zwei Jahre lang erst wöchentlich, später monatlich; das Reden fiel mir erstaunlich leicht. Es brachte nur nichts. In den ersten Stunden wühlte der Psychologe viel in meiner Vergangenheit herum. Aber da gab es scheinbar nichts zu finden, was mein AB-Sein hätte erklären können. Nein, in meiner Familie gibt es keine beziehungsfeindlichen Strukturen. Ich bin in einem soliden Elternhaus aufgewachsen, war im Gegensatz zu vielen anderen ABs auch nie ein Außenseiter. Darum besprachen der Psychologe und ich dann meistens meine Erlebnisse vom vergangenen Wochenende: Wann und wo hatte ich wie mit welchen Frauen Kontakt gehabt, was hatte ich falsch gemacht? Dass ich immer wieder von Suizidgedanken sprach, schien ihn überhaupt nicht zu interessieren. Als die von der Krankenkasse genehmigten Stunden aufgebraucht waren, beendete ich die Therapie. Geholfen hat sie mir nicht, aber ich kann wenigstens an der Himmelspforte sagen: Ich habe auch das versucht.

 

Nachdem ich eingesehen hatte, dass eine Therapie bei ABs mit normalem familiären und sozialen Umfeld nicht viel bringt, weil wir ein kaum erforschtes Phänomen sind und es noch keine wissenschaftlichen Lösungsansätze gibt, beschloss ich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und absolvierte ein Fernstudium in „Grundwissen Psychologie“. Ich wollte mich endlich selbst verstehen. Aber: Trotz der Note „sehr gut“ auf dem Abschlusszeugnis bin ich immer noch nicht schlauer. Weiß ich immer noch nicht, warum ich bin wie ich bin. Die ganze Palette Selbsthilfeliteratur, die die Buchhandlung so hergibt, hat mir nicht geholfen: Neurolinguistisches Programmieren, Positives Denken, Pick-up und Flirtratgeber – alles nutzlos. Genauso wie der VHS-Kurs „Selbstbewusstsein stärken“, für den ich mich neulich anmeldete. Gemischte Gruppe, normale Leute. Die meisten von ihnen wollten lernen, auf der Arbeit auch mal nein sagen zu können. Also gaukelte ich in der Vorstellungsrunde auch erst mal eine berufliche Motivation vor. Die erste Übung ging in Dreiergruppen. Einer sollte immer wieder fragen: „Was kannst du?“, „Welche positiven Eigenschaften hast du?“, der zweite mitschreiben und der dritte erzählen. Später trugen wir uns gegenseitig unsere positiven Eigenschaften vor, sollten sie „einatmen“ und in uns aufnehmen.

 

Dann eine Übung zu zweit: Im Rollenspiel sollten wir je eine positive Situation, in der wir uns selbstbewusst fühlen, und eine negative Situation, in der wir uns mehr Selbstbewusstsein wünschen, nachstellen. Sobald ich meine Gefühle in der positiven Situation genau beschrieben hatte, legte mir meine Übungspartnerin die Hand auf die Schulter und „ankerte“ sie. Dasselbe sollte sie dann noch einmal machen, nachdem ich ihr meine negative Situation beschrieben hatte, und mir so die positiven Gefühle von eben in Erinnerung rufen und in die negative Situation übertragen. Meine Übungspartnerin war hübsch. Als negative Situation schilderte ich ihr wie ich in einer Kneipe stehe und mich nicht traue, eine Frau anzusprechen. Es lief überraschend gut. Meine anfängliche Nervosität legte sich, als meine Übungspartnerin mir ihre Hand auf meine Schulter legte, ich wurde ruhiger und schaffte es ohne zu holpern, eine imaginäre Frau in einer imaginären Kneipe anzusprechen. Auf die Realität ließ sich meine neugewonnene Fähigkeit allerdings nicht übertragen – wie ich am zweiten Kurstag feststellen musste. Ich wollte so gern die Frau aus dem Rollenspiel wiedersehen, weil ich sie nett fand und den Eindruck hatte, dass sie auf meiner Wellenlänge wäre. Während die anderen meditierten, lag ich nur da und überlegte wie ich sie nach ihrer Telefonnummer fragen könnte. Prompt befand ich mich wieder mitten drin im Abwärtsstrudel: „Siehst du! Du schaffst nicht mal das! Was machst du hier überhaupt? Das bringt dir doch nichts! Das siehst du doch, sonst hättest du sie schon längst nach ihrer Nummer gefragt! Du bist ein Versager!“ Den Rest des Tages bekam ich nur noch in Trance mit. Mein Problem hatte mich wieder eingeholt.

 

Mittlerweile wird in meinem Bekanntenkreis nur noch selten darüber gesprochen. Gute Freunde fragen ab und zu: „Wie geht’s dir?“ Früher hätte ich in so einem Moment die Wahrheit gesagt und auf Verständnis gehofft. Heute stelle ich meine Situation positiver dar als sie ist, obwohl es mir noch genauso dreckig geht und die Suizidphantasien nach wie vor durch meinen Kopf spuken. Aber was sollen meine Freunde schon machen? Früher haben sie mir noch Frauen vorgestellt, weil ich es allein nicht packte, welche kennen zu lernen. Aber heute ist unsere Clique gefestigt, es stoßen kaum noch neue Leute dazu. Ich bin froh, dass ich wenigstens ein normales soziales Umfeld habe. Meine Familie hält sich raus. Mein Vater hat sowieso nie mit mir über solche Dinge gesprochen. Und meine Mutter habe ich durch meine gereizten Reaktionen dazu gebracht, mich mit ihren gut gemeinten, aber trotzdem schlechten Ratschlägen in Ruhe zu lassen. „Trau dir mal was zu und sprich eine an!“, war einer ihrer Standardsprüche; sie begreift nicht, dass es platonische Freundschaften zwischen Männer und Frauen gibt. Sobald sie hört, dass eine Singlefrau mit mir ausgeht, ist sie felsenfest davon überzeugt, dass diese Frau mehr für mich empfindet.

 

Meine Schwester hakt manchmal nach, ob meine Kontaktanzeigen erfolgreich waren. Neuen Bekannten erzähle ich erst von meinem AB-Sein, wenn ich betrunken bin und gerade wieder in einem Tief festhänge. Mit dem Thema geht man schließlich im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte nicht hausieren. Ich bin vorsichtiger geworden, seit mich ein Bekannter bei einem Besuch in der Heimat mal einer Männergruppe als den „ältesten Jungmann vom Dorf“ vorgestellt hat. Da war ich geschockt. Verletzt. Habe keinen Ton herausgebracht. Bei einem vier-Augen-Gespräch entschuldigte er sich später, aber verstanden hat er meine Reaktion nicht. Normalos wie er meinen ihre Tipps wie: „Sprich doch einfach so mal eine Frau an!“ ja auch nicht böse, aber als AB will man sie trotzdem nicht hören. Ein Normalo kann sich nun mal nicht in unsere Lage hineinversetzen, er kennt unsere Hemmungen und Blockaden nicht. Einfach so mal eine Frau ansprechen geht einfach nicht. Wir ABs könnten den Normalos viel erzählen. Aber das ist dann wie wenn mir ein Blinder erzählen würde wie er die Welt wahrnimmt. Ich kann versuchen, mir das vorzustellen, aber seine Zweifel und Verzweiflung und seine Hoffnungslosigkeit könnte ich nur im Ansatz nachempfinden und würde sie längst nicht als so gravierend sehen wie der Blinde selbst. Das mit dem Blinden ist ein gutes Bild. Ich betrachte meine Beziehungslosigkeit als eine Form von Behinderung. Da ist etwas in mir, das mich „behindert“, eine Frau für mich zu gewinnen. Und Behinderten gegenüber verhält sich doch jeder, der nur etwas Verstand im Kopf hat, tolerant. Denen sagt doch keiner: „Nun steh doch endlich aus deinem Rollstuhl auf und lauf!“. Von uns ABs wird komischerweise erwartet, dass wir genau das tun. Weil man die Behinderung in unseren Köpfen nicht sieht. Ich fühle mich nicht von der Öffentlichkeit ausgegrenzt. Aber ein wenig mehr Achtung und Respekt trotz meiner „Behinderung“ würde ich mir schon wünschen.

 

Was meine Zukunft bringen wird, muss ich abwarten. Im Moment warte ich leicht planlos darauf, dass ich 30 werde, und überlege, was passieren wird, wenn sich bis dahin nichts geändert hat. Ich kann mich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, ewig AB zu bleiben. Ich habe Angst vor mir selbst. Angst davor, dass ich austicke und anderen oder mir selbst etwas antue.

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3 Kommentare zu “Sascha (28) Informatiker – Neue AB-Portraits, online only!

  1. Der Text ist echt gut. Ich erkenne mich in jeder Zeile wieder. Schade das es im Buch nicht komplett abgedruckt wurde.

    Gibt es eine möglichkeit mit dieser Person kontakt aufzunehmen?

    • Hey Steve, ich danke dir, das freut mich sehr! Wenn du eine Mail an Sascha verfasst und sie mir an redaktion[at]maja-roedenbeck.de schickst, kann ich versuchen, sie ihm an die Adresse weiterzuleiten, über die ich damals mit ihm kommuniziert habe. Ich habe aber schon lange keinen Kontakt mehr und weiß nicht, ob er dort noch zu erreichen ist. LG, Maja

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