Neue AB-Portraits – online only! Lucy (26), Mitarbeiterin in einem Pharmazieunternehmen

Als ich das Buch „Und wer küsst mich„, zu dem dieser Blog gehört, schrieb, habe ich insgesamt 20 Protokolle von Betroffenen aufgezeichnet. Meine liebe und sehr gute Lektorin Johanna Links vom Ch. Links Verlag meinte aber, das sei zuviel, das würde die Leser überfordern. Mit blutendem Herzen habe ich 10 Protokolle aussortiert und versucht, zumindest einige Zitate/O-Töne daraus zur Veranschaulichung in den Hintergrundkapiteln unterzubringen. Rückblickend muss ich sagen, dass Johanna Links Recht gehabt hat, es hat dem Buch gut getan, abgespeckt zu werden und mehr Gewicht auf die Hintergrundkapitel zu legen. Doch jetzt ist die Zeit gekommen, um auch die aussortierten Protokolle zu veröffentlichen. Heute geht es los mit:

Lucy (26), Mitarbeiterin in einem Pharmazieunternehmen: „Es ist wie die Sehnsucht nach dem Meer, wenn man in den Bergen wohnt und dort glücklich ist“

Gelitten habe ich unter meiner Situation noch nie, aber mit jedem Jahr, das ich älter werde, kann ich noch ein bisschen besser damit umgehen. Meine Situation, das heißt: Ich habe geküsst und Petting erlebt, aber ich bin noch Jungfrau. Ich bin mit Jungs gegangen, aber nie in einen von ihnen verliebt gewesen. Natürlich habe ich manchmal so meine Anwandlungen. Bin traurig, weil ich keinen Partner habe, mit dem ich mein Leben teilen kann. Torschlusspanik ist das richtige Wort. Und Angst ist das richtige Wort für das Gefühl, das mich erfüllt, wenn ich manchmal daran denke, dass ich im Alter vielleicht ganz allein sein werde. Aber jetzt ist es bequem, beziehungsfrei zu sein. Mein böser Geist grinst immer in sich hinein, wenn Freunde mir von den Desastern in ihren aktuellen oder vorherigen oder gewünschten oder was auch immer für Beziehungen erzählen. „Davor hast du deine Ruhe!“, gratuliert er mir dann.

Ich hätte auch gar nicht die Zeit für einen Partner neben meiner Arbeit, meiner Jazzdancegruppe und meinem Spanischkurs. Den Rest des Tages dann auch noch seinen Ansprüchen gerecht zu werden, dazu fehlt mir die Lust. Kann aber auch sein, dass ich mir das nur einrede. Vielleicht will ich mich dadurch unbewusst nur von der Enttäuschung darüber ablenken, dass sich im Moment nichts ergibt mit einem Mann. Vielleicht ist es nur ein unbewusster Schutzmechanismus dagegen, meinen Freiraum opfern zu müssen für eine Beziehung. Solange es das wäre, ein Opfer, bin ich zu egoistisch. Solange bleibe ich distanziert und suche gar nicht erst nach einem Partner. Fühle mich die meiste Zeit nicht schlecht dabei. Ich lebe mein Leben; es ist eben jetzt, obwohl ich irgendwann schon gern ein Kind hätte, nicht auf die Gründung einer Familie ausgerichtet. Nicht auf körperliche Befriedigung zu zweit.

Dem Thema Sex kann ich zwar im Alltag kaum entgehen, so präsent wie es in den Medien ist, aber es ist nicht wichtig für mich. Warum etwas vermissen, das ich noch nie erlebt habe? Nur weil alle anderen sagen, es sei so toll? Ich würde doch auch nicht Bungee springen, nur weil das jemand anderem gefällt. Okay, ich gebe zu: Ich erlebe Phasen, in denen ich rattig bin, mich nach intimen Berührungen sehne. Ich bin relativ leicht körperlich zu erregen, aber immer nur bis zu einem bestimmten Punkt. Da schalte ich dann um, aus dem Erleben heraus in die reflektierende Ebene. Dann analysiere ich die Situation zu Tode, finde sie nur noch lächerlich und nicht länger tragbar, anstatt mich einfach fallen zu lassen. Daran hindert mich auch, dass ich die ganzen Sorgen und Gedanken über das Leben an sich in meinem Kopf selbst in einer solchen Situation nicht abschalten kann. Selbst wenn sich mir mein Schwarm auf dem Silbertablett serviert, finde ich immer einen Grund, aus dem mir die Situation nicht ideal dazu erscheint, den ersten Sex zu erleben. Vielleicht habe ich Angst, den Mann als Freund zu verlieren, mit dem ich sexuell aktiv werden würde. Weil ich ihm vielleicht hinterher nicht mehr in die Augen schauen könnte. Aus Angst, dass er enttäuscht von mir wäre. Bisher habe ich jedenfalls noch immer einen Rückzieher gemacht, wenn sich die Gelegenheit zum Sex ergab.

Mit vierzehn ging ich mit einem Jungen aus der Klasse über mir, den ich beim Rollenspiel kennen gelernt hatte. Unsere gemeinsamen Bekannten hatten gekuppelt und so hatte sich das Ganze aus unserer Freundschaft heraus fast ohne mein Zutun ergeben. Auch wenn ich nicht verliebt war, der Reiz des Neuen gefiel mir: der erste Kuss und so. Aber für mehr als Rumgeknutsche war ich damals noch nicht bereit. Die Geschichte hielt sowieso nicht lange, weil mein Freund merkte, dass ich seiner Freizeitplanung im Weg stand. Wenigstens gab er das als Trennungsgrund an. Ich heulte zwei, drei Tage, mehr wegen meines verletzten Selbstwertgefühls als darum, weil ich ihn verloren hatte, und damit hatte es sich.

Zwei Jahre später ging ich mit dem älteren Bruder einer Schulfreundin. Eine tiefe Zuneigung empfand ich wohl für ihn, allerdings: Verliebt war ich nicht. Ich kam mit ihm zusammen, weil erwartet wurde, dass ich einen Freund hatte. Wir machten Petting, aber zu mehr war ich auch bei ihm nicht bereit. Das war nicht mal eine Sache von Zweifeln oder Ängsten. Die Frage, ob ich mit ihm schlafen sollte, stellte sich trotz seines liebevollen Drängens für mich gar nicht, ich fühlte mich eben nicht danach. Der junge Mann war beim Bund, wir sahen uns sowieso nur am Wochenende. Aber bald wurde selbst das für mich gefühlsmäßig zur Pflichtveranstaltung. Heute würde ich eine Beziehung, die mir mehr Energie nimmt als sie mir gibt, viel früher gnadenlos beenden. Damals kostete es mich schon Überwindung, ich fühlte mich sehr schlecht dabei. Brachte ihn zum Weinen. Heulte selber. Aber für mich war es besser so.

Bis zum Ende der Schulzeit ergab sich dann nichts mehr mit Jungs. Ich war damit beschäftigt zu pubertieren, zu lesen, zu schreiben, mit Freunden herumzuhängen. Zwar waren einige Jungs darunter, mit denen mich auch heute noch viel verbindet. Aber die Frage, ob mehr aus diesen Freundschaften werden könnte, die stellte sich nie. Jedenfalls nicht für mich. Aus dem Freundeskreis kamen mal ein paar Andeutungen, ich hätte da wohl das ein oder andere Signal übersehen. Aber das bin eben ich. Wenn man nie geflirtet hat, erkennt man die Annäherungsversuche der Männer auch nicht als solche. Heute kann ich das besser einschätzen, ignoriere es aber manchmal bewusst.

Nach dem Abitur während meiner Ausbildung war ich ein paar Wochen mit dem Bruder einer anderen Freundin zusammen. Alles lief genau wie in den beiden Beziehungen vorher. Ich hatte ihn wirklich gern, war aber nicht verliebt. Keine Schmetterlinge im Bauch. Die Beziehung eher als logische Folge der Tatsache, dass wir sowieso viel Zeit miteinander verbrachten. Heute weiß ich: Das klappt so nicht. Und ich wollte auch gar nicht, dass das klappt. Als ich nach der Ausbildung für ein sechsmonatiges Praktikum nach Spanien ging, machte mein Freund per Brief mit mir Schluss. Das war keine Überraschung für mich. Ich hatte ja praktisch darauf gewartet. Es nicht von mir aus beendet, aber ihn durch meine Untätigkeit dazu gebracht, sich wieder für den Partnermarkt frei zu machen.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland hatte ich erst mal andere Sorgen: Bewerbungen schreiben, um eine feste Anstellung zu finden, mich mit Nebenjobs über Wasser halten, um meinen Eltern nicht auf der Tasche zu liegen. Gedanken an die Suche nach einem Partner hatten da keinen Platz. Zwar fand ich neue Freunde in meinen Kursen, aber ich ging nicht aktiv auf die Männer zu. Es gab eine Nacht, in der ich – eigentlich rein platonisch – mit einem Freund von früher das Bett teilte. Er machte mir trotzdem Avancen, ich spielte „Toter Fisch“ und hoffte, es würde ihm bald zu blöd werden. Aber er hörte nicht auf. Ich musste ihm schließlich doch ins Gesicht sagen: „Du reizt mich körperlich nicht.“ Ich versuchte, ihm zu erklären, dass es an mir lag, dass ich nicht auf Du mit meiner Sexualität war. Ich gestand ihm sogar, dass ich noch Jungfrau war, und er nahm es erstaunlich gut auf, bot sich für Experimente an. Ich lehnte ab. Er muss das wohl leider trotz meiner Erklärungsversuche persönlich genommen haben, denn danach begann unser Kontakt zu bröckeln. Mittlerweile ist er abgebrochen.

Nach anderthalb Jahren Arbeitssuche hatte ich Glück und fand eine wunderbare Anstellung bei einem tollen Chef. Gut gelaunt traf ich auf einem Live Action Rollenspiel einen Bekannten aus meiner Schulzeit wieder. Eine… interessante Erfahrung. Wir saßen die Nacht über am Lagerfeuer zusammen und unterhielten uns. Kuschelten. Weil es kalt war und kuscheln einfach schön ist. Dann machte ich den Fehler, ihm einen Gutenachtkuss zu geben. Daraus folgerte er, dass wir von nun an ein Paar wären. Wieder war ich in eine Beziehung geraten, in der ich den jungen Mann zwar von Herzen mochte, aber eben nicht liebte. Jedoch war dieses das erste und letzte Mal, dass ich mich da habe reinreden lassen. Zwar sagte ich ehrlich zu dem Mann: „Ich bin an einer Beziehung im Moment nicht interessiert“, aber er meinte bloß: „Wir können es doch erst mal probieren, und wenn es nicht klappt, dann gehen wir freundschaftlich wieder auseinander.“ Da sagte ich dann nichts mehr. Natürlich klappte das mit uns nicht. Immer wenn er zärtlich wurde, schaltete ich ab. Stand wie außerhalb meines Körpers und fand die Situation lächerlich und ganz bestimmt nicht anregend. Diesmal war ich diejenige, die Schluss machte, nach vier oder sechs Wochen. Das mit dem freundschaftlichen Auseinandergehen wurde natürlich nichts.

Bei diesem Mann weiß ich, warum ich nicht mit ihm schlafen wollte: Die Chemie zwischen uns stimmte nicht. Manchmal bin ich mir aber nicht sicher, ob ich vielleicht asexuell bin. Es gibt verschiedene Typen von Menschen, die einfach kein Interesse an Sex haben. Ich kann mich keiner Kategorie hundertprozentig zuordnen, aber manches stimmt schon. Zum Beispiel dass ich mein Bedürfnis nach Sex nicht mit Menschen verknüpfe, die mir nahe stehen und die ich mag. Jemand, den ich gut kenne, finde ich sexuell nicht mehr so attraktiv. Andererseits brauche ich aber die Vertrautheit, um mich fallen lassen zu können. Mir würde es nur Spaß machen, Sex zu haben, wenn es gemütlich wäre. Kein Zelt, in dem noch andere Leute schlafen. Ein festes Dach über dem Kopf, gut geheizt und Licht aus, das sind schon mal die Grundvoraussetzungen. Andererseits bin ich manchmal schockiert darüber wie wenig mich schockiert, obwohl ich so unerfahren bin. Ich habe sogar schon mal eine Nacht mit einem befreundeten Pärchen verbracht. Als wir vorher die Spielregeln festlegten, nannte ich als Grenze meine Gürtellinie. Daran hielten sie sich auch. Der Rest ist Schweigen, jedenfalls war ich auch nach dieser Nacht noch Jungfrau.

Ich konnte die fehlende Sexualität in meinem Leben immer sehr gut durch andere Freizeitaktivitäten kompensieren. Wobei das eigentlich gar nichts ist, was ich kompensieren müsste. Im Alltag fällt mir kaum auf, dass ich keinen Sex habe. Natürlich spielt Selbstbefriedigung in meinem Leben eine Rolle, aber wohl keine übergeordnetere als im Leben einer Frau, die in einer festen Beziehung steckt und zusätzlich regelmäßig Sex hat. Es wird auf die Dauer schwieriger für mich werden, ohne eine Beziehung zu leben als ohne Sex. Mehr als nach dem eigentlichen Akt sehne ich mich nach Berührungen der unschuldigen Natur: Umarmungen, Streicheleinheiten. Zwar werde ich, weil ich eine liebevolle Familie habe, gelegentlich geherzt und geküsst, aber auch unschuldiger Körperkontakt fühlt sich, wenn er von einem Familienmitglied kommt, anders an als wenn er von einem Geliebten kommt.

Ich bereue nichts. Weder, dass ich Beziehungen eingegangen bin, obwohl ich wusste, das wird nichts, denn jede Erfahrung ist es wert, gemacht zu werden. Noch, dass ich Angebote zum Sex ausgeschlagen habe. Wenn ich die Wahl habe, mache ich nichts, wozu ich nicht absolut bereit bin. Das ist der Luxus, den ich mir leiste. Ich vergleiche das mit einer Operation, die man über sich ergehen lassen muss. Der erste Sex und eine Operation, das sind beides Eingriffe in den Körper. Mit dem Unterschied, dass ich eine Operation, auch wenn ich mich nicht dazu bereit fühle, mit mir geschehen lassen muss. Den ersten Sex nicht, wenn es sich nicht hundertprozentig richtig anfühlt. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich nicht trauen würde. Ungefährlich waren ja auch meine Beziehungen im emotionalen Sinne nicht, und ich bin sie trotzdem eingegangen. Immer dieses Abwägen, ob ich das Fehlen meiner Verliebtheit für die relative gesellschaftliche Sicherheit einer Beziehung in Kauf nehmen soll. Immer diese Selbstüberwindung, um den Partner glücklich zu machen.

Es ist nicht so schrecklich für mich, anders zu sein. Es hat bis nach dem Abitur gedauert, bis ich überhaupt darauf gekommen bin, dass meine Erfahrungen anders sind als die der anderen. In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, wurde unter Schulfreundinnen nicht viel über Sex gesprochen. Das kam erst später. Und da bin ich mit der Zeit ziemlich geschickt darin geworden, konkrete Aussagen zu dem Stand meiner Erfahrungen zu vermeiden. Auf offene Fragen antworte ich allerdings ehrlich. So wissen einige Freunde Bescheid, andere nicht. Ich schäme mich nicht dafür, dass ich noch keinen Sex hatte. Jedenfalls rede ich mir das ein. Ich würde jetzt auch nicht unbedingt ein Gespräch mit dem Satz eröffnen: „Hallo, ich bin die Lucy und ich bin noch Jungfrau.“ Manchmal entsteht eine ungläubige Stille, wenn es herauskommt; das ist dann schon ein merkwürdiges Gefühl. Aber richtig negative Reaktionen musste ich bisher zum Glück nicht erleben.

Meinen Eltern ist es gleichgültig, was ich in sexueller Hinsicht anstelle oder auch nicht, solange ich dabei glücklich bin. Wenn meine Mutter mal wieder bedauert, dass ich ihr noch keine Enkelkinder geschenkt habe, leihen wir uns meinen kleinen Cousin aus und sind danach erst mal geheilt von der Idee, dass es wunderbar wäre, Kinder im Haus zu haben. Viele Bekannte, die mich noch nie mit einem festen Freund gesehen haben, gehen wohl davon aus, ich sei lesbisch und würde mich nicht outen. Damit habe ich kein Problem, ich glaube, ich bin bisexuell. Ich kann auch Frauen attraktiv finden, aber vielleicht nur, weil sie in sexueller Hinsicht ungefährlicher wirken als Männer. Wahrscheinlich würde ich, wenn überhaupt, lieber mit einer Frau zusammenziehen. Also muss ich mich auch nicht bemühen, jemandem zu erklären, dass er sich irrt, wenn er mich für lesbisch hält. Es sei denn, er trägt seine Vermutung direkt an mich heran. Immer gemäß dem guten alten Grundsatz: „Wer viel fragt, kriegt viel Antwort.“

Aber es gibt eben auch Menschen, die das nicht so locker nehmen wie ich. Es gibt Sechzehnjährige, die sich unnormal vorkommen, weil sie noch keinen Sex hatten. Und das darf nicht sein. Gerade weil unsere Medien so stark sexualisiert sind und ein völlig falsches Bild von der sexuellen Realität aufbauen, muss die Öffentlichkeit besonders intensiv für das Thema Unerfahrenheit sensibilisiert werden. In Medienberichten oder Internetforen, in denen es um Liebe und Sex geht, erlebt man oft eine Art ungläubige Unsensibilität bei den Lesern, wenn sich jemand in meinem Alter als Jungfrau outet. Aber mit Ratschlägen wie: „Dann mach es doch endlich!“ ist nicht viel geholfen, wenn tiefere psychologische Aspekte dahinter stecken oder die Betroffenen keine Möglichkeit oder keine Motivation haben, ihr erstes Mal hinter sich zu bringen. Ich wünsche mir kein Verständnis und auch kein Interesse von den Mitlesern, sondern einfach nur keine negative Resonanz. Ich wünsche mir, sicher sein zu können, dass mein Gegenüber nicht im Stillen denkt: „Was stimmt mit der nicht?“ Wenn es endlich mal ins öffentliche Bewusstsein sickern würde, dass nichts Schlimmes daran ist, mit Mitte 20 noch Jungfrau zu sein, würde das vielleicht sogar der zunehmenden sexuellen Verwahrlosung entgegenwirken, die gerade in den sozial schwachen Gebieten von Großstädten geschieht.

Wenn ich also jemandem, der das nicht erlebt und sich das nicht vorstellen kann, erklären müsste, wie ich damit umgehe, Jungfrau zu sein und noch nie eine richtige Beziehung gehabt zu haben, die eine längere Zeit überdauert hat und bei der echte Gefühle im Spiel waren, muss ich sagen: Meine Erfahrungen sind genauso ein Aspekt von mir wie alles andere. Da könnte man genauso gut fragen: Wie gehe ich damit um, eine Frau zu sein? Wie gehe ich damit um, eine Sehschwäche zu haben? Wir reden hier von einem einzelnen Teil meines Wesens, meiner gesamten Person. Es ist kein unveränderlicher Teil, kein Teil, mit dem ich kämpfe, aber doch ein Teil, der mich zu Überlegungen antreibt, die ich vielleicht in einer gesellschaftlich akzeptierteren Position nicht anstellen würde. Es ist nicht der Teil, über den ich mich ausschließlich definiere, und kein Teil, der mich in eine Depression hineinreiten wird. Ich bedauere ihn eher im Sinne von: „Schade, ich werde mir nie eine Reise nach Japan leisten können. Schade, ich werde vielleicht nie einen Freund haben oder mit einem Mann schlafen.“ Es ist kein tiefes Verlangen in mir, nur eine unbekannte, leichte Sehnsucht nach etwas, das ich nicht kenne. Wie die Sehnsucht nach dem Meer, wenn man in den Bergen wohnt, und dort glücklich ist.

Ich weiß, warum ich alleine bin. Von außen betrachtet liegt es daran, dass ich mich nicht fallen lassen kann. Nicht nur im Bett mit einem Mann, ich kann mich generell nur schwer rückhaltlos auf andere Menschen einlassen. Ich mache mir Sorgen, wo keine Sorgen angebracht sind, da spielt mir meine überbordende Phantasie einen Streich. Ganz gnadenlos betrachtet bin ich zu distanziert von meiner Umwelt, lebe zu sehr mit dem Kopf in den Wolken und bin zu egoistisch, um dem Thema Sex und Beziehung zu viele Gedanken zu schenken. Vielleicht habe ich aber auch einfach bloß in meiner Jugend den Anschlusszug verpasst, und muss jetzt feststellen, dass sich kaum noch Gelegenheiten bieten, mich mit Männern auszuprobieren. Aber deshalb verkrampfe ich nicht. Suche auch nicht verzweifelt.

Ich weiß nur, dass es kompliziert werden wird, den Menschen zu finden, der zu mir passt. Zum Beispiel befürchte ich, dass der Mann, der für mich als Beziehungspartner ideal wäre, in sexueller Hinsicht nicht zu mir passen würde. Als Sexpartner müsste er Verständnis dafür haben, dass ich noch keinen Sex hatte, müsste hartnäckig werben, um mir über anfängliche Berührungs- und Situationsängste hinwegzuhelfen. Und er müsste vor allem so entschlossen sein, dass er die Entscheidung, Sex zu haben, für mich mit treffen könnte, aber sensibel genug, zu merken, wenn ich an einem Punkt wirklich nicht weiterkomme. Ein Teil meines Problems liegt nämlich darin, dass ich nicht gern Entscheidungen treffe, weil ich meine Möglichkeiten bis zum Gehtnichtmehr analysieren möchte, alle Vor- und Nachteile ausführlich abwäge. Fallen lassen kann man sich aber nur, wenn man das Hirn mal ausschaltet. Vielleicht brauche ich einen Partner, der das für mich tut, der einfach die Führung übernimmt und mich anleitet.

Allerdings nur im Bett. Im Alltag käme ein Partner, der für mich mit entscheidet, für mich nicht infrage. Irgendwann würde ich ihm dieses Verhalten vorwerfen, selbst wenn ich ihn anfangs genau dafür ausgesucht hätte. Kann schon sein, dass ich an das gesamte Thema Beziehung mit einer zu großen Erwartungshaltung herangehe. Dass ich kompromissbereiter werden müsste, damit es mit einem Partner klappt. Aber ich werde erst dann kompromissbereit sein, wenn ich mich zumindest mal richtig verliebt habe, obwohl das ja noch lange keine Garantie für eine glückliche Partnerschaft ist. Es ist mir jedenfalls auch nicht unangenehm, dazu zu stehen, dass ich gern einen Partner hätte, der im moderaten Sinne gutaussehend ist. Klar, man sagt, es kommt auf die inneren Werte an. Das mag im Verlauf einer Beziehung auch stimmen. Aber bei der ersten Kontaktaufnahme ist doch das äußere Erscheinungsbild wichtiger. Vielleicht orientiere ich mich aber auch nur besonders am Aussehen, weil ich gar nicht beurteilen kann wie ein Mann innerlich sein muss, um ein guter Beziehungspartner zu sein. So was kann man wohl nur herausfinden, wenn man eine Beziehung lebt.

Ob ich eine gute Beziehungspartnerin wäre, keine Ahnung. Ich bin ziemlich zynisch, vielleicht weil ich die Welt um mich herum so distanziert betrachte. Mir scheint es, als seien Tiere sind ehrlicher als Menschen. Sie zeigen dir, was sie wollen, und lügen nicht, um dir zu gefallen oder etwas zu erreichen. Darum kann ich mir ein Leben ohne meine Katze nicht vorstellen. Ich bin verträumt und schaffe mir ab und zu gern im Geiste neue Realitäten. Bisher habe ich deswegen noch keinen Autounfall verursacht, aber manchmal schrecke ich schon hoch. Der Kontakt zu anderen Menschen strengt mich an. Wenn ich Zeit mit Leuten verbracht habe, die nicht zu meiner engsten Familie oder meinem engsten Freundeskreis gehören, muss ich danach meine Akkus erst wieder aufladen. Und weil das so ist, weiß ich gar nicht, ob eine Beziehung für mich überhaupt erstrebenswert wäre. Wie soll ich die Zeit überbrücken, bis ich mir mit meinem Partner so vertraut bin, dass das Zusammensein mit ihm mich nicht mehr anstrengt? Will ich wirklich mit jemandem zusammenleben? Auch mit dem Hochzeitsmotto „In guten wie in schlechten Tagen“ könnte es etwas schwierig werden. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Einerseits muss sich jeder selbst verwirklichen, um glücklich zu sein, auch in einer Beziehung. Klar, dass das meist auf Kosten des Partners geschieht. Andererseits gehört es, wenn man jemanden liebt und sich fürs Zusammensein entschlossen hat, auch dazu, dass man sein eigenes Glück in den Hintergrund stellt und kompromissbereit ist. Schwierig, diese beiden Dinge zusammen zu bringen. Wer weiß, ob das überhaupt irgendwem gelingt. Ob mir das gelingen könnte.

Ich lebe eher in den Tag hinein als in die Zukunft zu planen. In Sachen Liebe und Sex lasse ich die Entwicklungen einfach auf mich zukommen und nehme mein Leben wie es kommt. Ich bin ja nicht unzufrieden. Ich habe einen tollen Job, eine wunderbare Familie und nette Freunde. Ich muss also nicht unbedingt jetzt meine Beziehungslosigkeit beenden. Sollte sich eine Gelegenheit ergeben, werde ich aber auch nicht mit Klauen und Zähnen dagegen ankämpfen. Vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem mir das Alleinsein mehr zu schaffen macht. Obwohl es mir fast scheint, als ob ein gewisser Teil unseres Geistes in der Zeit stehen bleibt. Ich fühle mich geistig in vielerlei Hinsicht heute nicht viel anders als vor zehn Jahren. Und ich kann mir durchaus vorstellen, auch mit 36 und darüber hinaus noch unberührt zu sein. Dann gibt es einige praktische Dinge zu klären. Ich müsste mich von dem Gedanken an ein eigenes Baby verabschieden. Im Leben jeder betroffenen Frau kommt der Punkt, an dem sie um die Kinder trauert, die sie nie gebären konnte. Und das belastet viel mehr als eine nicht ausgelebte Libido. Ich müsste mich, wenn ich mir wirklich so sehr ein Kind wünsche, über eine Adoption informieren. Was das emotional für mich bedeuten würde, kann ich nicht sagen. So kurz vor 40 rechne ich schon mit einer kleineren Krise. Aber wie sehr sie mich mitnehmen wird, hängt sicher damit zusammen wie ich dann beruflich und privat sonst dastehe. Das Leben hält immer Beschäftigungen bereit, und wenn man sich damit auseinandersetzt, geht es einem gut. Manchmal fällt es einem bloß schwer, sich aufzuraffen und sie zu suchen. Vielleicht gewinne ich ja mit 40 im Lotto und fühle mich ganz entspannt. Vielleicht wohne ich dann immer noch bei meiner Mutter und sitze am liebsten abends mit ihr vor dem Fernseher, um Serien zu schauen. Oder wir lesen was.

Wenn die Sehnsucht nach einer Beziehung irgendwann so stark wird, dass ich merke, ich muss was tun, würde ich mich wahrscheinlich zuerst für eine Kontaktanzeige im Internet entscheiden. Aber warum jetzt schon? Ich habe doch ein erfülltes Leben mit Hobbys, voller Kreativität – auch ohne Sex! Das ist übrigens eine Botschaft, die ich nicht nur an die Öffentlichkeit richte, sondern gerade an andere ABs. Dass man mal jammern will, gehört wohl zur Natur des Menschen. Aber immer alles pessimistisch zu sehen, ist doch einfach nur belastend. Auch mit Vorwürfen um sich zu werfen, bringt überhaupt nichts: Die bösen Männer sind schuld daran, dass ich noch keinen Sex hatte. Oder die böse Gesellschaft. So ein Quatsch. Die endgültige Entscheidung, es zu tun oder nicht, es sich auf welche Weise auch immer zu holen oder nicht, liegt bei jedem Menschen selbst. Und sich zu entscheiden, wird in Zukunft nicht einfacher werden.

Genauso wie es in Zukunft nicht einfacher für die Menschen werden wird, einen Partner zu finden. Da ist das Gefühl, überfordert zu sein, das viele Menschen heutzutage haben. Alles entwickelt sich so schnell, dass wir kaum mithalten können – wer will da noch Zeit für die Partnersuche abzwacken. Wir treffen auf der Arbeit und in der Freizeit nur noch Menschen aus unserer eigenen sozialen Schicht und schränken unsere Auswahlmöglichkeiten immer weiter ein. Das Internet weckt die Erwartung, es seien unglaublich viele Singles verfügbar. Also wenden sich viele Menschen von den potentiellen Partnern aus dem eigenen Umfeld ab, nur weil sie nicht perfekt sind. Viele Eltern parken ihre Kinder lieber vor dem Fernseher als sich mit ihnen zu beschäftigen. So lernen die Kinder zwar von klein auf, sich durchzusetzen, aber Mitleid, Hilfsbereitschaft und andere Tugenden, die in einer Beziehung wichtig sind, werden ihnen nicht beigebracht. Die Mitmenschen interessieren einfach nicht mehr, nicht mal die Nachbarn. Warum denn auch? In „SecondLife“ oder „World of Warcraft“ laufen interessantere Leute herum. Abenteuer können wir mit unseren Fernsehhelden erleben. Virtuelle Kontakte ersetzen persönliche. Das Internet frisst unsere Zeit, ohne dass es uns viel Nützliches mit auf den Weg geben würde. Jeder denkt nur noch an sich. Wie sollen daraus funktionierende Familien entstehen?

Die klassische Kommunikation zwischen Mann und Frau gibt es nicht mehr. Ich bin die Letzte, die Emanzipation und Gleichberechtigung verdammen würde. Aber ich kann verstehen, dass viele Männer, aber auch Frauen, heutzutage unsicher sind, ob sie den ersten Schritt auf einen möglichen Partner zu wagen dürfen oder nicht. Emanzipation und Gleichberechtigung haben uns verwirrt. Und dann kommt auch noch die Flut der Möglichkeiten in unserer Gesellschaft: Jeder experimentiert mit seiner Persönlichkeit, die meisten auch mit ihrer Sexualität. Bis wir wissen, was wir wollen, brauchen wir länger als früher. Um erwachsen zu werden sowieso, wenn wir es denn überhaupt schaffen. Kurz nach der Schule heiraten und eine Familie gründen ist nicht mehr in Mode. Und wenn es doch irgendwann soweit ist, gehen die Ehen auch schnell wieder auseinander. Kaum jemand übernimmt mehr Verantwortung, wenn er es vermeiden kann. Kaum jemand ist mehr spontan. Wir sind zu schüchtern. Wir denken zu viel darüber nach wie wir vor anderen dastehen. Wenn wir im ganz normalen Alltag öfter mal ohne Hintergedanken zu jemandem sagen würden: „Du, ich find’ dich toll! Ich find’ dich nett! Ich find’ dich hübsch!“, wenn wir uns überhaupt öfter trauen würden, Leute anzusprechen, würden sich auch mehr Beziehungen entwickeln. Aber so wie es ist, könnten wir neben unserem Traumpartner im Bus sitzen und würden die Gelegenheit verstreichen lassen, weil wir uns nicht mal umgesehen hätten.

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